
von Marianne Marlene Peternell
b) Die Traditionen............................................................................13
c) Das Patriarchat.............................................................................14
2. Die „natürliche Frau“, ein Konstrukt des Bürgertums....................21
3. Die Frauenbewegung....................................................................22
4. Die Tradition der Frauen...............................................................24
5. Wie wachsen Kinder heute eigentlich in ihre Rollen hinein?.......27
a) Das Mädchen – eine Frau werden............................................... .28
b) Die Macht der Bilder.....................................................................29
c) Die frühe Kindheit.........................................................................33
d) Pubertät – Adoleszenz...................................................................38
6.1. Arbeitsplatzbeschreibung „Mutter“............................................39
6.1.1 Macht und Autorität..................................................................43
6.1.2 Erziehung und Kompetenz........................................................52
6.2. Arbeit und Berufstätigkeit...........................................................55
6.3 Distanzierung vom Muttersein................................................... 60
6.4 „Die Mutterschaft ist der Kern der Unterdrückung der Frau“
Simone de Beauvoir.................................................................... 63
6.5 Qualitäten der Mutterschaft.......................................................... 72
6.6 Väter............................................................................................ 82
6.7 Frauen ohne Kinder. “Nur eine Frau ohne Kind kann leben
wie ein Mann.“(Catherine Hepburn).............................................87
10. Konkurrenz................................................................................. 122
Bibliographie..................................................................................... 128
Vor 100 Jahren eröffnete Maria Montessori ihre erste „Casa die Bambini“ in einem Armenviertel von Rom.
Ihre Pädagogik war Bahn brechend. Sie beobachtete Kinder, sie respektierte Kinder, sie sah das Göttliche in den Kindern, die ungeheure lebendige schöpferische Kraft, die sich äußerte. Kinder, die hungrig und eingesperrt waren, liefen, als die Türen zur Essensaufnahme geöffnet wurden und nahmen Brot. Doch sie schlangen es nicht sofort hinunter. Sie kneteten das Brot und formten Kügelchen. Das Bedürfnis nach gestaltendem Spiel und sinnlicher Erfahrung mit Material war noch stärker als der körperliche Hunger.
Maria Montessori beschloss der Kraft in den Kindern nachzuspüren. Sie wollte für sie anregende Lernumgebungen schaffen, die deren Bedürfnissen entgegen kämen.
Ihre Erkenntnisse waren letztendlich, dass Kinder ein Bedürfnis haben zu „lernen“, zu gestalten, Erfahrungen zu sammeln, zu reifen, das zumindest so stark ist wie körperliche Bedürfnisse. Sie schuf dafür die „vorbereitete Umgebung“, die den Bedürfnissen der Kinder zuarbeitete. Sie respektierte die Kinder in ihren Arbeiten, indem sie das Prinzip entwickelte: „Hilf mir, es selbst zu tun!“ Ein weiteres Prinzip war „Lass mir Zeit!“ In diesem geistigen Raum des Respekts für die eigenständigen Bedürfnisse der Kinder zu lernen erschuf sie anregende Lernumgebungen.
Nach wie vor ist die Montessori-Methode aktuell. Es gibt im Jahr 2007 weltweit etwa 40.000 Montessori-Schulen. Die SchülerInnen sind geistig beweglicher, wissen mehr, können vernetzter denken, sind sozial kenntnisreicher usw. Die geistigen Prinzipien der großen Pädagogin zu verstehen ist bei ausreichend geistiger Offenheit nicht allzu schwer: Kinder ernst nehmen, Kinder beobachten in ihren Bedürfnissen. Wenn sie Bedürfnisse äußern, wie im Dreck zu mantschen, dann Orte schaffen, wo sie dies ohne Störung der Hausorganisation tun können, das Positive, Aktive, Lernbegierige in den Kindern herausfiltern, das sich mitunter auch seltsam und ungewohnt äußern mag und dem zuarbeiten, indem von den Betreuungspersonen stets geeignete Umwelten zur Verfügung gestellt werden.
Doch was alles gehört zur Umgebung so eines Kindes? Ganz sicher auch die Wohnumwelt, ganz sicher auch der psychische und geistige Zustand der Betreuungsperson(en). Auch daran bilden Kinder ihren Geist und ziehen Schlüsse über die sie umgebende Welt und formen daraus ihr Weltbild.
Ich möchte im Folgenden unter Zuhilfenahmen von Sozialisationsforschern kurz versuchen, ein Bild zu entwerfen, wie westliche Kinder europäischer Standards heute im Wesentlichen aufwachsen, um dann nachzuspüren, ob die große Pädagogin heute wirklich noch so aktuell ist, wie es scheint:
„In der Nachkriegszeit haben sich bis heute drei neue Formen des Wohnens durchgesetzt, das Wohnen in Trabantenstädten, das Wohnen in Einfamilienhaussiedlungen am Rande von Großstädten (in so genannten Suburbs) und das Wohnen in Hochhäusern.“ (Rolff, Zimmermann:Kindheit im Wandel, S.79) Die Homogenisierung des Wohnens bringt für die Kinder eine anregungsarme, ausgegrenzte Wohnumwelt, da an den genannten Orten fast nur noch gewohnt, nicht aber auch gearbeitet wird. Hans Knoflacher berichtet in seinen Büchern „Zur Harmonie von Stadt und Verkehr“ und „Stehzeuge“ wie auch gewachsene Wohnumgebungen wie Dörfer durch die zunehmende Mobilität (Straßen, Autos, Sterben von Kleinbetrieben) und die Ansiedlung von Einkaufszentren zu reinen Wohnstätten herabsinken und das vielfältig anregende Leben in den Dörfern zunehmend verschwindet. Das Spielen der Kinder wird mehr und mehr in die Wohnungen verlagert, das betrifft im besonderem Maße Kinder, die in Hochhäusern wohnen. Hochhäuser sind im Vergleich zu althergebrachten Siedlungsformen anregungsarm . Mundt (Vorschulkinder und ihre Umwelt, 1979) hat empirisch nachgewiesen:
„..je höher eine Wohnung liegt, umso häufiger spielt das Kind in der Wohnung und umso seltener wird der Hausflur in das Spiel einbezogen... Das bedeutet zusammengenommen, dass die Kinder aus Hochhäusern in ihren Kontaktmöglichkeiten zu anderen Kindern ... benachteiligt sind.“ Zudem müssen Kinder heute sich in den für sie bestimmten, für die Erwachsenen leicht zu kontrollierenden Einrichtungen (z.B. Spielplatz) aufhalten – oder an für sie bestimmten Plätzen und Zimmern, im Kinderzimmer. Der Aufenthalt im Kinderzimmer wiederum verführt zur Beschäftigung mit vorfabriziertem Spielzeug.
Die Tatsache, dass heutige Kinder häufiger in der Wohnung spielen ist auch auf die Veränderung der gesamten Straßenöffentlichkeit zurückzuführen.
In der Nachkriegszeit avancierte das Auto zum Massenverkehrsmittel.
Im Jahr 2000 fuhr jeder zweite Erwachsene einen PKW. Diese „allgemeine Automobilmachung“ ist für Kinder lebensgefährlich. Nicht nur dass zahllose Kinder tödlich verunglücken, auch die Freiheit der Kinder wird durch die Autos eingeschränkt. Straßen sind nahezu unbespielbar geworden, sie gehören dem Auto. Kinder sind , da Fahren mit einem Fahrrad oder Roller nun zu gefährlich geworden ist und das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln manchmal zu kompliziert, abhängig vom Chauffeur, sprich von den Taxifahrten der Mutter oder des Vaters.
Von der Straße erweitert sich der Lebensraum in die Warenhäuser. Freizeit von Kindern wird mehr und mehr zur Konsumzeit. Waren bilden Ersatz für fehlende kindliche Angebote in der Umgebung. Kinder kommen ähnlich wie Erwachsene in einen Konsumrausch. Die Massenkultur für Kinder bietet jedes erdenkliche Spielzeug, das in die Kinderzimmer Einzug hält und Ersatz bietet für lebendige Anregung und kreatives Tun.
Anders als die armen Kinder in den Vorstädten von Rom haben die Kinder heute eine Unmenge von Spielsachen, häufig lieblose Wegwerfspielsachen aus der Massenspielwarenindustrie, sie erleben nicht die Reizarmut als Mangel, sondern die Überflutung mit wertlosem, nicht anregendem Material.
Der heutige Spielwarenmarkt ist nahezu unübersichtlich. In durchschnittlichen Spielzeugläden gibt es ca. 20.000 Artikel und laufend gibt es neue Trends mit Verkaufspräsentation, ganzen Spielzeugsystemen und Werbung. Wesentlich ist, dass das vorfabrizierte Spielzeug wenig „Liebeswert“ und wenig Reiz für aktive, auf den Gegenstand bezogene intelligente Auseinandersetzung bietet. Aktive Auseinandersetzung mit vielseitig verwendbarem intelligenten Material bietet die Basis für die Auseinandersetzung mit der umgebenden Welt. Intelligenz fördernd ist kaum so ein Spielzeug. Auch der Verweis auf die extra bereit gestellten Spielbereiche, die vorbereiteten Spielplätze ist nicht wahrhaft attraktiv, da sie den Kindern nur eingeschränkte Bewegungsmuster ermöglichen und wenig Anreiz für gestaltendes kreatives Spiel bieten. Kinder werden durch die Angebote der modernen Umwelt also eher „ruhig gestellt“ und bedient. Dazu gehört natürlich heute auch die vielfältige digitale Welt des Fernsehens, der Videokonsolen, der MP3 Player usw, auf deren Bedeutung ich hier nicht näher eingehen möchte. Die Kinder heute haben kein Recht sich zu beklagen, sie erleben nicht den eklatanten Mangel wie die armen Kinder in Rom,die Maria Montessori vorfand. Sie leben in einer Überfülle an Spielwaren und Freizeitindustrie und dennoch werden ihre grundlegenden Bedürfnisse nicht gestillt. Die grundlegenden Bedürfnisse, die da lauten:
Aktiv die Welt mit allen Sinnen erkunden und dabei Phantasie, Kreativität und Intelligenz entfalten und am Material , Erproben der eigenen Fähigkeiten ohne Gängelband und dabei Erwerben von Selbstbewusstsein unabhängig von der Anerkennung durch andere, Gespiegelt werden durch positiv zugewandte Erwachsene in dieser Tätigkeit und last but not least mit anderen zu kooperieren, also gesellschaftlich zu handeln.Einerseits ist also zu bedenken, was die zunehmend vergesellschaftete Erziehung mit den Kindern macht, andererseits ist die Frage der Montessori-Erziehung heute zunehmend auch zur politischen Frage geworden.
Aus Aliki: Gefühle sind wie Farben, 1987, Beltz Verlag
Montessori-Erziehung kann gelebt werden, doch erfordert sie gleichzeitig auch eine Abkehr von der Konsumwelt, eine Abkehr von der Massenkultur. Deshalb und nicht aus elitären Gründen flüchten Eltern, die das möchten in Privatinitiativen. Sie möchten ihre Kinder dem Gruppendruck der vergesellschafteten Kultur entziehen und ihnen ein Aufwachsen im geschützten Raum eines aktiven gestaltenden, mit Aufmerksamkeit und Liebe betreuten Lebens ermöglichen, gerade um sie zu bewussten Menschen heranwachsen zu sehen, die in Harmonie mit den Kräften in sich und in der Natur umgehen.
Erziehung heute ist demnach bereits so etwas wie politische bzw. weltanschauliche Kultur geworden und erfordert von den Eltern ein hohes Maß an Bewusstheit.
Mit meiner Arbeit möchte ich Verknüpfungen zwischen einzelnen Bewegungen herstellen, die vielleicht dazu führen, dass sich diese Kultur der Lebensformen außerhalb des Konsumterrors verbreitert und gleichzeitig ein vertieftes Verständnis für Zusammenhänge findet. Mein Ziel ist es sowohl konkret zu solchen strittigen Fragen wie Mütter und Berufstätigkeit Stellung zu beziehen wie auch grundsätzlich Fragen, die sich im Zusammenhang mit den Müttern, Vätern in Tradition und Moderne ergeben zu stellen.
Ich betrachte meine Arbeit als vorläufig, als Entwurf, als Angebot zum Weiterspinnen. Ich hoffe, es möge sich eine eigene Philosophie entfalten, die der Moderne und ihren Herausforderungen gewachsen ist.
In allen möglichen Variationen treten Männer und Frauen dafür ein, dass das Wesen der Männer aggressiv, zerstörerisch und sexgierig sei. Im Gegensatz dazu steht das Bild von der versorgenden, bewahrenden Frau. Es werden Filme über projizierte „Urzeitmenschen“ hergestellt, die diesen „Urmenschen“ mit seiner Keule und seinem primitiven, aggressiven und sexgierigen Wesen zeigen. Er lasse diesen Instinkten noch ungezügelt seinen Lauf. Dagegen wird das Bild des „kultivierten“ Europäers gezeigt, der über diese seine „basic instincts“ durch Selbstkontrolle und zivilisatorische Verfeinerung triumphiere. Allerdings gelten Menschen der Unterschichten, verwahrloste und sozial nicht so geborgene Menschen, auch Jugendliche als gefährdet, diese „basic instincts“ auszuleben. So erklärt man sich Triebtäter (sie hätten eben keine Gelegenheit, ihren Sextrieb zivilisiert auszuleben usw.), Mörder und andere Gewalttäter. Natürlich braucht man in einer Gesellschaft mit diesem Glauben Pornographie, Prostitution, als Möglichkeit zur Abfuhr von Aggressivität zur Kanalisierung der benannten Triebe. Entsprechende Fernsehsendungen und Videospiele und Kinofilme für die Massen sollen einerseits diesen „basic instincts“ entsprechen und sie ansprechen, tatsächlich werden sie massenweise abgesetzt, was als Bestätigung gilt, andererseits sollen sie ähnlich wie die Zirkusspiele im alten Rom ein Ventil bieten, diese „angeborenen“ Instinkte des männlichen Verhaltens abzureagieren. Entsprechend auch die Angebote des Leistungssports mit seinen Kämpfen und Siegen und der Möglichkeit der „nationalen“ Identifikation. Eskalationen wie sie zB bei Fußballspielen immer wieder zwischen Anhängern verschiedener Mannschaften vorkommen, werden hingenommen und von der Polizei niedergehalten. Es geht in diesem Modell um die Niederhaltung des „primitiven“ „natürlichen“ Wesens des Menschen. Gestritten wird, ob eher Streetworker oder prügelnde Polizisten, eher sanfte oder aggressive Formen dem Phänomen steuern können. Die biologistische Theorie „Das Böse ist den Menschen angeboren wie das Gute.“, findet sich jedoch in allen Bereichen. Wer das nicht akzeptiert, scheint weltfremd und gefährdet. Die gehäuften Nachrichten über männliche Gewalttäter und „Kinderverzahrer“, also Pädophile, führt bereits dazu, dass jedes freundliche Verhalten eines Mannes gegenüber einem Kind misstrauisch beäugt wird. Männer seien suspekt. Männer, die freundlich zu einem Kind sind, seien verdächtig. Denn der „natürliche Mann“ scheint der faschistische oder eben der aggressive, zerstörerische, sexgierige zu sein. Woher soll man denn wissen, welcher von ihnen seine Basisinstinkte zu kontrollieren vermag?
In feineren Varianten scheint der aggressive, konkurrenzbetonte Mann auch in höheren Gesellschaftsschichten der Geschäftswelt ganz normal zu sein. Der Raum glüht nur so vor Testosteron, wenn die Männer aneinander geraten, heißt es. Und sie seien stolz darauf. Empfänden sie sich doch dabei als „urmännlich“, verbunden einem „Urmenschen“, ja hinein verwoben bis in die wilde Tierwelt, verwandt dem reißenden Wolf. Sie empfinden Kraft und Wildheit. Der rezeptive Mann, der das Weibliche in sich ausbildete, der als „Softie“ bekannte Mann, der sich in die „weiblichen Bereiche“ der Intuition, der Empfindsamkeit und Fürsorge begeben hat, wird in dieser herrschenden Männerkultur nicht nur verachtet, er werde auch in sich nicht glücklich, weil er keinen Zugang zu der ihm innewohnenden Kraft finde. Nur „lieb“ sein, ist offenbar keine auf Dauer lebbare Alternative, da Kraft keinen Ausdruck findet. Kraft jedoch, bzw. Energie kann sowohl produktiv wirksam werden oder aber destruktiv und zerstörerisch..
Mit der Fülle der aufgeworfenen Probleme möchte ich mich in diesem Buch beschäftigen.
Verständlich ist die „Projektion des Eigenen“ in die Geschichte. Auf diese Weise wird versucht, Selbstverständlichkeit und Selbstsicherheit herzustellen und den eigenen Glauben abzusichern. Ich möchte daher daran gehen, die Problematik historisch zu untersuchen:
Urgeschichte – Naturvölker – „Primitive“
Vor mehr als 35.000 Jahren, als die Temperaturen sanken und sich die riesigen Eismassen, die Europa bedeckten langsam verschoben, lebten Gruppen von Jägern und Sammlerinnen in der altsteinzeitlichen Kultur. Sie nutzten einfachste Werkzeuge und Gerätschaften, irgendwann nutzten sie das Feuer, sie stellten Frauenstatuetten her und malten eindrucksvolle Tierbilder in Höhlen.
Wir wissen wenig über die Lebens- und Glaubensformen dieser Wesen, daher bieten sie sich an als Projektionsflächen für gegenwärtiges Lebensgefühl jeder Art, besonders jedoch für die Phantasien über "das Natürliche". Doch wir können eins. Indirekt können wir durch das Studium der Lebensweise von Völkern, die noch heute im Stadium altsteinzeitlicher Kulturen verharren, Vermutungen anstellen:
Das Volk der San, von Europäern Buschmänner genannt in Südwestafrika, das Volk der Aché in Paraguay, um nur einen der Indiostämme herauszugreifen, die Aborigines in Australien, die Samen in Lappland, die Inuit (Eskimos) in Alaska, die Papuas in Neuguinea, ihnen allen ist gemeinsam, dass sie ein umfassendes Wissen über ihre Umwelt besitzen (Tiere, Pflanzen, Wetter, Lebenszyklen, Jahreslauf). Die Jagd ist mit den einfachen Waffen sehr mühsam und beschwerlich. Sie erfordert tagelanges Aufspüren und Verfolgen der durch einen Pfeil verletzten Tiere, die mitunter durch andere Tiere bereits gefressen sind, wenn der Jäger sie erreicht. Führer gibt es nicht, die Gruppe der Männer und Frauen entscheidet gemeinsam, Probleme und nötige Entscheidungen werden ausdiskutiert, einer übernimmt als Primus inter pares die Rolle das Entschiedene umzusetzen und zu organisieren, wobei er aber stets von den anderen korrigiert werden kann. Da das Jagen unglaubliche Hingabe an das Wesen des Tieres erfordert, benützen die Jäger die Fähigkeit sich mit dem Geist des Tieres in eins zu setzen. Magische Rituale sich selbst in den Geist des Tieres zu verwandeln im Trancetanz, im Traumreisen ermöglicht es manchen von ihnen, dass Tiere sich opferwillig fangen und töten lassen. Der Geist des getöteten Tieres wird geehrt und meist rituell zerlegt und verspeist. Getötet wird nie mehr als nötig, der Respekt vor dem erfahrenen pulsierenden Rhythmus, der allem Lebenden innewohnt, wurzelt tief in den Urvölkern. Ähnliche Stimmen hören wir auch von den Indianern Nordamerikas. Herausgegriffen sei hier die Stimme Häuptling Seattles:
Überliefert und bezeugt ist auch die überwältigende Achtung vor der Muttergöttin, die das Lebendige hervorbringt. Bei den genannten Völkern gibt es eine erste Arbeitsteilung, die Männer jagen, die Frauen sammeln. Da Fleisch nur selten zu haben ist, sind die Frauen für die Ernährung des Stammes zuständig. Sie verfügen über enorme Kenntnisse in Pflanzenkunde. Männer unterstützen sie, geben ihnen Hinweise, wenn sie etwas über Nahrung und Pflanzen herausfinden, doch Expertinnen sind in erster Linie sie.
Diese Lebensform, die prinzipiell dem Leben in all seiner Kraft ergeben ist, und sich als Teil eines ungeheuren Ganzen erfasst, lebte und erhielt sich sehr lange in den Völkern dieser Erde. Man kann als gesichert annehmen, dass sie in einem „magischen Universum“ lebten, in dem alles und jedes als beseelt galt. Das bezeugen die weit reichenden Kenntnisse all der heute noch existierenden Völker, die mehr wissen als sie dem Stand ihrer „wissenschaftlichen“ Möglichkeiten eigentlich wissen dürften.
Schließlich wurden einige Stämme sesshaft. Eng mit dem Leben von Tieren und Pflanzen vertraut, zähmten sie, wo sie einst gejagt hatten und züchteten Schafe, Ziegen, Kühe und Schweine aus den wilden Formen der Tiere. Aus dem Jäger wurde der Herr des Getreides, der zur Erntezeit im Herbst geopfert wurde, um im Frühling wiedergeboren zu werden. Die Zyklen von Mond und Sonne kennzeichneten die Zeiten für Saat und Reifung und Weideauftrieb. Die Frauen entwickelten die Technik. Sie erfanden das Rad, den Webstuhl usw.
Die Dörfer gediehen an manchen Orten zu Städten und Stadtstaaten. Die Göttin wurde auf die Wände der Heiligtümer gemalt, wie sie das göttliche Kind gebar, ihren Gefährten, ihren Sohn, ihre Saat. (James Mellaart, Catal Hüyük, a Neolithic town in Anatolia, New York 1967) Die Menschen erkannten, dass bestimmte Steine den Strom der allem Lebenden innewohnenden Kraft verstärken. An Kraftplätzen setzten sie diese in Reihen und zu Kreisen, die die Zyklen der Zeit kennzeichnen. Die Steine wurden zu Speichern subtiler Energie, Pforten zwischen der sichtbaren und unsichtbaren Welt. Innerhalb der Kreise, neben den Menhiren und Dolmen und Grabgängen wurde die verborgene Struktur des Kosmos ergründet. Mathematik, Astronomie, Dichtkunst, Musik, Heilkunde entwickelten sich.
So finden wir in den Naturvölkern dieser Erde keineswegs den aggressiven, rohen, sexgierigen Primitivling. Alle Zeugnisse aus der Frühgeschichte des Menschen widersprechen dieser Behauptung. Vielmehr finden wir dort Menschen, die harmonisch eingebunden sind in die Kräfte des Lebendigen, ökologisch denkend und lebend, einander und die Umwelt respektierend, in Auseinandersetzung mit der ganzheitlich wahrgenommenen Welt.
Als schließlich kriegerische Völker die Herrschaft in Europa übernahmen, hatte die alte Göttin mit ihrem Gefährten, die Mutter und das göttliche Kind schon etwa 30.000 Jahre lang geherrscht. Die siegreichen Kelten jedoch trugen viele Merkmale der Alten Religion, die in die Mysterien der Druiden eingebunden waren (vgl.: Ranke-Graves: Die weiße Göttin)
Das kriegerische Patriarchat der Römer änderte nur wenig an dem Glauben der von ihnen beherrschten Völker, obwohl es natürlich zu vielen Abwandlungen und Veränderungen der Namen der Göttin kam. Auch das kriegerische Volk der Germanen, wie das der Slawen barg noch den Alten Glauben. Frauen waren in den Völkern hoch angesehen. Die Christianisierung änderte am Volksleben zunächst ebenfalls nur wenig. Die Bauern sahen in der Christuslegende nur eine neue Version ihrer eigenen alten Überlieferungen von der Muttergöttin und ihrem göttlichen Kind, das geopfert und wiedergeboren wird, was sie vermutlich auch war. Der Zirkel, der das Wissen um die geheimen Kräfte bewahrte, hieß wicca oder wicce, von dem angelsächsischen Wort für „beugen“ oder „formen“. Heilkundige, meist Frauen, Lehrer, Dichter und Hebammen waren die zentralen Gestalten der Gemeinden.
Da das Christentum sich nicht durchsetzen konnte, bediente es sich der Mittel, die Gebräuche der Völker für sich zu nutzen, indem sie Jahresfeste erfand, die den Volksfesten zu Ehren der Göttin entsprachen und auch Symbole von dort entwendete (Osterhase, Eier usw.). Bevorzugt wurden Kirchen auf zerstörten Kultplätzen des Alten Glaubens errichtet. Mythische Figuren des Volksglaubens wie magische Frauen erschienen im Pantheon der christlichen Heiligen. Im 12. und 13. Jahrhundert wurden Aspekte der Alten Religion durch die Troubadoure wiederbelebt, die Liebesgedichte an die Göttin im Gewand zeitgenössischer adeliger Damen schrieben. Die herrlichsten Kathedralen wurden erbaut zu Ehren der Jungfrau Maria, die einzelne Aspekte der Alten Göttin übernommen hatte. Eindrucksvolle Arbeiten aus dem magischen Glauben fanden darin Eingang, wie zB die Labyrinthe (vgl. die Rose von Chartres).
Doch als um 1100 die ersten Kreuzfahrer in den Orient aufbrachen, hatte die Herrschaft des Patriarchats auch einen neuen Typus hervorgebracht: Den Mann, der die Einheit seiner eigenen und der umgebenden Wildnatur nicht mehr kennt, sie vielmehr fürchtet, der seine Spiritualität verloren hat, der seine Lebenskraft ausschließlich blindwütig in der Aggression ausdrücken kann und der vor allem nur seine eigene Art anerkennt. Die Möglichkeit des Andersseins besteht für ihn nicht mehr. Er war leicht zu verhetzen. Da dieser Typus des aggressionsgeladenen Mannes beständig Fehden anzettelte und den Landfrieden brach, gab ihm Papst Urban ein Ziel: „Den bösen Ungläubigen am heiligen Grab Christi“, die Bösen sollten verfolgt und vertrieben werden, versprochen wurde ihnen Beute in Form von Land und den Schätzen der Unterworfenen.
Wilhelm Heinse, ein aufrührerischer Aufklärer zeigte am Ende des Kampfes gegen den alten Glauben und die alte Kultur in seinem Roman „Armida oder Auszug aus dem befreiten Jerusalem“ den Typus des Kreuzfahrers in seiner Begegnung mit der fremden, unheimlichen Frau, die über unheimliche Kräfte verfügt:
Armida ist die Tochter des Tyrannenkönigs von Damaskus, der gemeinsam mit dem Herrscher von Ägypten die Herrschaft der Ungläubigen in Jerusalem unterstützt. Sie soll durch ihre Schönheit die Christen von ihrem Plan, Jerusalem zu befreien, abbringen. Ihr Vater, ein Magier, schickt sie in das Lager der Feinde:
„Meine Geliebte, die du unter blonden Haaren und unter so zarten Gebärden einen grauen Verstand und ein männliches Herz verbirgst und schon in meinen Künsten selbst mich übertriffst, ich hab was Großes im Sinn und wenn du mir beistehst, so werden meine Hoffnungen ihr Ziel erreichen. Geh in das Lager der Feinde und bediene dich daselbst jeder weiblichen Kunst, zur Liebe zu reizen. Bade süße Bitten in Tränen; unterbrich und vermisch die Worte mit Seufzern; trostlose, leidende Schönheit beuge die rauesten Herzen nach deinem Willen; verhülle die Kühnheit in Scham und bekleide die Lüge mit dem Gewande der Wahrheit.“ (In der Frauenzeitschrift Iris, Band 1, Düsseldorf 1776, S.36
Armida wendet diese Künste an und macht die Männer in sie verliebt. Sie bringt die Männer in Konkurrenz und also gegeneinander auf, was ihre Einheit im Kampf um Jerusalem, im Kampf um die Macht gefährdet. Sie provoziert die Eifersucht,
„da sie wohl wusste, dass endlich die Liebe ohne diese Künste veraltet und langsam und träge wird.“ (Iris, Band 1, S.130/31)
Mit diesen Kunstgriffen gelingt es ihr, einen großen Teil des Heeres hinter sich in die Falle zu locken. Sie verwandelt die verliebten Männer in Fische. Diese Vorstellung Armidas in der „Iris“ durch Heinse macht klar, dass Armida ein „böses Weib“ ist, deren List sich keineswegs darauf beschränkt, sich einen Mann zu sichern. Sie kennt nicht nur die Mechanismen männlicher Verliebtheit und benutzt dieses Wissen zum Schaden der Männer, sondern sie hat auch ein gegen Empfindung für Männer verhärtetes Herz. Doch das soll anders werden.
Sie verliebt sich in den kühnen Kreuzfahrer und Helden Rinaldo, entführt und verführt ihn deshalb gegen den Willen ihres Vaters auf die hohen Berge einer Insel in einen Palast. Beide geben ihre Pläne auf und leben für ihre Liebe.
Hier zeigt sich der wahre Charakter des Machtweibs Armida, die den, der einst ein gefürchteter Held war, zur Liebe verweichlicht. Das ist gegen den Beschluss Gottes, den solche Lust beleidigt und der dringend für die Eroberung Jerusalems ist. Er lässt Rinaldo durch zwei durch Vernunft gestählte Kämpfer „befreien“ Diese gelangen tatsächlich durch das Labyrinth in den Garten der Liebe und müssen mit ansehen, wie Rinaldo
„..die hungrigen Blicke in ihr weidend sich verzehrt.. und zerschmilzt.. Sie neigt sich und atmet öfter die süßen Küsse jetzt von den Augen und saugt sie jetzt von den Lippen. Und in diesem Augenblick hört man ihn so tief seufzen, dass du denkst jetzt flieht die Seele und wandert aus ihrer Wohnung in sie.“ (Iris, 3.Band,Düsseldorf 1775, S.20)
Ein Mann, der in derartige hingebungsvolle Liebe zu einer Frau gerät, kann nur bei einer Zauberin sein, die auch in der Lage ist, viele Männer in Fische zu verwandeln. Gott muss eingreifen, um diesem listigen, mächtigen Frauenzimmer beizukommen. Er empfiehlt seinen beiden Beauftragten, Rinaldo einen Spiegel vorzuhalten, was diese befolgen: „Rinaldo wendet den Blick auf den leuchtenden Schild und spiegelt sich darin, wer und was er sei mit zarter und zierlicher Tracht. Er duftet ganz von Gerüchen und Gewand und Haar atmet Wollust von sich. Er sieht, dass er das Schwert, nichts anderes, das Schwert nur noch unter zu großer weibischer Üppigkeit zur Seite gelegt hat und so ausgelegt, dass es ein unnützer Zierrat scheint, nicht ein kriegerisches, grausames Werkzeug. Wie ein Mensch, von tiefem und schwerem Schlafe niedergedrückt, nach langem Wahnsinn wieder zu sich kommt, so kehrt er, während er sich selbst betrachtet, wieder zu sich zurück. Allein sich selbst betrachten mag er schon nicht mehr. Der Blick fällt nieder und die Scham ergreift ihn und hält ihn furchtsam und demütig niedergebeugt.“ (Iris,3.Band,a.a.O., S.,24)
Die Männergesellschaft holt ihn zurück, indem sie ihm zeigt, dass er in ihren Augen ein weibischer Verräter an ihrer Sache ist. Nachdem Rinaldo in diesen Spiegel gesehen hat, kommt ihm seine männliche Verpflichtung wieder zu Bewusstsein. Er muss dringend fort zu seinen Kriegern in den Kampf. Armida kann dagegen nichts mehr ausrichten. Heinse meint spöttisch:
„Sie will ihm nach und weder Ehre noch Scham hält sie zurück. Ach! Wo sind nun ihre Siege! Wo ihr Ruhm! Mit einem Winke bewegte sie zuvor das Reich der Liebe, so groß es ist, hin und her, und besaß eine ihrem Stolze gleiche Verachtung. Gern war sie geliebt, hasste die Liebhaber, gefiel sich allein und außer ihr gefiel ihr nur die Wirkung ihrer schönen Augen an andern. Jetzt folgt sie vernachlässigt, verschmäht und vergessen dem, der da flieht und verachtet und sucht das für sich verweigerte Geschenk ihrer Schönheit mit Tränen reizend zu machen.“ (ebda.,S.26)
Aber Armida, die mit den Männern spielte und einen in eine große Leidenschaft verstrickte, war durch „die in ihre Waffen eingeschlossene Vernunft“ besiegt und endgültig entmachtet. Rinaldo beschließt ihr Ritter zu sein, sofern es der Krieg in Asien und Ehre und Religion erlauben. Nach dieser Entscheidung wird er ein gefürchteter und gestählter Kämpfer. Er richtet ein entsetzliches Blutbad unter den Belagerten an und alles floh vor ihm. Nachdem er die Schlacht gegen seine Kraft innen durch Disziplin und Männerideologie gewonnen hat, kann er auch außen gegen die „bösen Feinde“ vernichtend kämpfen. Armida schießt auf ihn, aber ihr Pfeil kann seinen Panzer nicht durchdringen. Zwischen Rationalität und Körperfeindlichkeit, Kolonisation nach innen und Kolonisation nach außen besteht ein wesentlicher Zusammenhang, der in dieser Geschichte klar hervortritt. Das Leben der Harmonie mit den Kräften in sich und um sich findet im patriarchalen Mann ihr Ende. Ob Heinse dies mit seinem Werk zum Ausdruck bringen wollte, sei dahin gestellt.
Die ersten Kreuzfahrer, die jeden Zusammenhang mit dem Alten Glauben verloren hatten und aus ihrer Einheit mit den Kräften innen und den Kräften außen gerissen waren, konnten auch die „Anderen“ im eigenen Land nicht ertragen. Ihr fremdes Wesen, ihr Anderssein provozierte ihn. Vermutlich mag größere Lebensfreude und größere Harmonie mit den Lebenskräften Grund für den Hass geboten haben. Rasch waren Meinungen bei der Hand, die Raub und Mord an den Juden zur Folge hatten: Christusmörder hießen sie, Brunnenvergifter. Sie wurden zu Sündenböcken für das empfundene „Böse“, die unterdrückten Kräfte im eigenen Wesen. Der Alte Glaube wurde zur Ketzerei erklärt. 1324 verklagte ein Bischof einen Zirkel des alten Glaubens, wobei nur eine Adelige ihrer hohen Stellung wegen nicht verbrannt wurde. Jeanne d’Arc, die Jungfrau von Orléans führte die Armeeen Frankreichs zum Sieg, wurde aber von den Engländern als Hexe verbrannt.
Als am Ende des Mittelalters die Stabilität der Kirche erschüttert war, messianische Bewegungen und religiöse Revolten die christliche Welt überschwemmten, konnte die Kirche ihre Rivalen nicht länger ruhig hinnehmen.
1484 entfesselte die Päpstliche Bulle von Innozenz VIII. die Gewalt der Inquisition gegen die Alte Religion, die im Volk noch immer bestand. Mit der Veröffentlichung des Hexenhammers, Malleus maleficarum, durch die Dominikanermönche Institoris und Sprenger im Jahr 1487 begann eine Schreckenszeit, die Europa bis ins 18.Jahrhundert hinein erschütterte
Dadurch wurde dem Alten Glauben in Europa und in Folge auch den begrenzten Entgrenzern, den „Puritanern“, die in die „Neue Welt“ fuhren und Amerika besiedelten, nachdem sie einen furchtbaren Genozid an den Indianern verbrachen eine fast nicht zu stillende Wunde zugefügt. Die Magie und die Harmonie verließen Europa oder wanderten in den Untergrund, wurden zum Werk von intellektuellen Träumern, die nicht selten Selbstmord begingen. Europa hatte keine Schamanen mehr. In Amerika gab es nur indianische in den Reservaten.
Doch das Fragen und Forschen enden nicht. Überall stoßen Menschen erneut an das Geheimnis des Lebendigen und der lebendigen Kraft. Auch wenn viel Wissen verloren gegangen war und Spurensucher und Fährtenleser und Pioniere nötig waren und sind, so lässt sich die Suche nach Weisheit letztendlich nicht aufhalten. Das Bedürfnis danach ist fast stärker als der Hunger.
Doch offiziell haben sich das Kalkül und die Rationalität der Rechner etabliert, abgeschottet von den Kräften der Natur innen und den Kräften der Natur außen.
Der „natürliche Mann“ ist also mitsamt dem ihm angeblich angeborenen destruktiven Triebpotential infolgedessen eine Erfindung der westlichen Welt.
2. Die „natürliche Frau“ als Konstrukt des Bürgertums
Zur Zeit der Aufklärung beschäftigten sich viele führende Intellektuelle damit, wie das neue Frauenbild gestaltet sein sollte. Das Bürgertum formte eine eigenständige Lebenskultur heraus und diese umschloss natürlich auch ihre Frauen. Propagiert wurde schlussendlich die „natürliche“ Frau, die ihre Aufgaben im Haus und bei der Kindererziehung so erfüllt als würde sie spielen (Beispiel Werthers Lotte), die sinnlich relativ kühl bleibt, um umso eher die Bedürfnisse des angeblich heißblütigeren Gatten steuern zu können (vgl. Sophie LaRoche in der Frauenzeitschrift „Iris“). Sie sollte dem Hauswesen vorstehen und den inneren Haushalt der Seele, sowie der körperlichen Bedürfnisse balancieren. Das Ziel war, dass sie dem Mann, der in die harte, konkurrenzorientierte Berufswelt geht, einen Glückshafen, ein Ziel, ein Heim der Freude gewährt. Dafür waren die Männer bereit zu zahlen, sprich, sie zu erhalten. Das Ideal des 19. Jahrhunderts wurde die Ehe, in der die Frau als Mutter und Ehefrau nicht berufstätig war und für den Seelenhaushalt und den Körper der Familienangehörigen sorgte.
Schon die Darstellung von Sophie La Roche macht schmunzeln, denn sie empfahl den Frauen, das Spiel zumindest zum Schein mitzuspielen.
Die in die Urgeschichte projizierten Bilder von der „natürlichen Frau“ oder der „natürlichen Rollenverteilung“, wie dies auch Frau Hermann in ihrem gut promoteten Buch „Das Eva-Prinzip“ angeht, ist also haarsträubender Blödsinn.
Doch im 19. Jahrhundert war das Ideal der bürgerlichen Familie die Frau im Haus, die sich um die Erziehung der Kinder und um das leibliche und seelische Wohl der Familienangehörigen, insbesondere das ihres Mannes kümmerte. Auch im Kleinbürgertum setzte sich dieses Familienmodell durch. Selbst Arbeiter ersehnten sich nichts mehr, als sich eine Frau im Haus leisten zu können und höher bezahlten Facharbeitern gelang dies auch.
3. Die Frauenbewegung
Das Problem war ihre völlige materielle Abhängigkeit zunächst vom Vater, dann vom Ehemann. Frauen, die keinen Mann bekamen, mussten Stellen als Gouvernanten oder sonstige Arbeitsplätze annehmen und waren in einer schlimmen sozialen Lage als „alte Jungfern“. In den breiten Schichten der Handwerker und Arbeiter waren Frauen als mithelfende Arbeitskräfte im eigenen Betrieb, bzw. an schlecht entlohnten Arbeitsplätzen in der Industrie (v.a. Textilindustrie), als Hausmädchen, Mägde usw. tätig, um zum Lebensunterhalt beizutragen, da der Lohn ihrer Männer nicht reichte. In diesem Jahrhundert begann mehr oder weniger die Frauenbewegung. Olympe de Gouges hatte ihre emanzipatorischen Bestrebungen zur Zeit der Französischen Revolution noch mit dem Tod auf dem Schafott bezahlt. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts forderten bürgerliche Frauen das „Recht auf Erwerb“, Arbeiterinnen forderten soziale Besserstellung, die Kirche verlangte, dass die Löhne der Männer so hoch sein müssten, dass die Frauen zu Hause bleiben könnten. Bürgerliche Bewegung und Arbeiterbewegung forderten das Wahlrecht für Frauen und politische Mitsprachemöglichkeit. Erreicht wurden schlussendlich das Wahlrecht, der Zugang zu den Universitäten, während des 1. und 2.Weltkrieges errangen die Frauen auch Anerkennung als gleichwertige Berufstätige, in der Zwischenkriegszeit konnten soziale Absicherungen erreicht werden. Schließlich wurde unter dem Motto „Mein Bauch gehört mir“ auch das Recht auf Abtreibung verankert (70er Jahre), Koedukation und gleiche Bildungschancen wurden angestrebt. Heute sind etwa 80% der Frauen der westlichen Industrienationen berufstätig und stolz darauf, ökonomisch nicht mehr abhängig zu sein und ihren Teil zum öffentlichen Leben beizutragen. Weiterhin wird für gleichen Lohn für gleiche Arbeit gestritten, noch ist nicht alles gelöst, doch ein Großteil der Frauenforderungen wurde erfüllt. Quotenregelungen sind bestrebt, Frauen im öffentlichen Leben auch in Führungspositionen zu bringen.
Da die Frauen nun mehrheitlich berufstätig sind, wurden viele Leistungen, die sie traditioneller Weise als Frauen im Haus erbracht hatten, ausgelagert:
Es entstanden zahllose Restaurants und Restaurantketten bis hin zum Fast Food, Tiefkühlkost und Fertiggerichte sollen die berufstätige Frau zudem entlasten. Wer es sich leisten kann, holt sich für Putzarbeiten eine Putzfrau ins Haus. Kinderkrippen, Tagesmütter und flächendeckende Kindergärten und Horte wurden oder werden eingerichtet, um den Frauen die Berufstätigkeit möglichst bald nach einer Geburt, die weitgehend risikofrei in einem Krankenhaus, neuerdings dank der Bewegung für natürliche Geburt auch in alternativen Geburtsheimen oder mit Unterstützung einer Hebamme zu Hause erfolgen kann, wieder zu ermöglichen, damit sie nicht den Anschluss verliert und nicht etwa ins Haus abgedrängt werden kann. Diese Einrichtungen sollen die Frauen bei der Erziehungsarbeit entlasten und den Kindern ein Nest bieten. Moderne Medien wie digitales Fernsehen, Videokonsolen, Gameboy, Computer usw. beschäftigen die Kinder zudem, sodass Mütter zusätzlich Entlastung verspüren. Zusätzlich gibt es ein breites Kurs- und Freizeitangebot für Kinder, sodass für Beschäftigung gesorgt ist und die Mutter höchstens das Management zwischen den verschiedenen Angeboten betreiben muss. Einrichtungen wie die Heimzustellung von Lebensmitteln sollen die Frauen auch von der zeit- und kraftraubenden Tätigkeit des Einkaufens entlasten. Für Kranken- und Altenpflege sorgen die Krankenhäuser, die zahllosen Ärzte und die verschiedensten Naturheiler, sowie die Altersheime.
Der Bereich der „Reproduktion“, also einkaufen, kochen, putzen, Körper, Seelen- und Geistespflege für alle Familienangehörigen, Kindererziehung, Kranken- und Altenpflege, der früher den Frauen oblag, wurde also in viele Dienstleistungsbereiche der Gesellschaft ausgelagert.
Allerdings arbeiten – o Wunder – in diesen Bereichen, nun allerdings berufstätig, wiederum vorwiegend unterbezahlte Frauen. Der weibliche Bereich wurde also nicht aufgewertet, er wurde ausgelagert, er kostet etwas, ist Dienstleistung, modern Transferleistung, doch die Frauen, die vorwiegend in diesem Bereich arbeiten, werden gesellschaftlich weiterhin kaum hoch angesehen und sind ökonomisch ausgesprochen niedrig bewertet. Daher begeben sich auch nur wenige Männer in diese Bereiche, die nicht als attraktiv gelten. Diese Unterdrückung zeichnet tiefe Spuren in die Persönlichkeitsentwicklung vieler Frauen und Mädchen, die Spuren, die eben abgewertete Menschen in allen Facetten zeigen: Konkurrenz, Bewertungsdruck, Ignoranz, Hoffnungslosigkeit, verdeckte bis offene Aggressivität, Heimtücke usw. Es fragt sich, ob es ausreicht, gerechten Lohn zu fordern. Es fragt sich, ob es ausreicht, in gender- bewegten Kreisen den Aufbruch der Frauen in männerdominierte Berufe und den Einzug der Männer in frauendominierte Berufe zu fordern.
4. Die Tradition der Frauen
Tatsächlich stellt sich die Frage, ob wir mit dem Ergebnis zufrieden sind oder nicht. Die breite Tradition der Frauen scheint in diesem Jahrtausend unter tatkräftiger Mithilfe der aktivsten Frauenkämpferinnen ins Nichts zu entschwinden. Der weibliche Weg, das weibliche Selbstbewusstsein ist nach wie vor labil. Im Kampg gegen die sich auf „Natur“ berufenden Bilder werden Begriffe wie Weiblichkeit und Männlichkeit im Genderdiskurs grundsätzlich entwertet.
In der Begeisterung für die Gleichstellung der Frau mit dem Mann in seinem Bereich werden die traditionellen Leistungen der Frauen im sprachlosen Bereich ihrer machtvollen Geschichte völlig übersehen und sind nach wie vor abgewertet. Gefragt und gespottet wurde höchstens, welche hervorragenden Leistungen Frauen eigentlich aufzuweisen hätten. Männer hätten Philosophen, Naturwissenschaftler, Dichter, Abenteurer usw. Frauen suchten nach und finden und fanden hervorragende Frauen und banden ihren Selbstwert an sie. Doch handelte es sich um Frauen, die von der traditionellen Lebensweise der Frauen abgewichen waren. Frauen haben in den Jahrtausenden im Haus trotz massiver Unterdrückung und Verfolgung (man denke nur an die Hexenverfolgungen) enorme Kenntnisse zur Bekämpfung von Krankheiten, Kochkünste und die Gestaltung des Hauswesens bis hin zur Innenraumgestaltung, Kenntnisse zur Babypflege, Kindererziehung und Kinderpsychologie, Kenntnisse in praktischer Seelenkunde und empathische Begabungen entwickelt, Menschen zu stützen, zu ermutigen, zu festigen bzw. im Schatten davon auch das Gegenteil davon zu tun. Frauen wissen auch mit feiner Klinge psychologisch zu unterminieren, abzuwerten, zu entmutigen. Der berühmte EQ hat sich in hohem Maße bei ihnen entfalten können. Mit der zu