4. Die Tradition der Frauen

 

Tatsächlich stellt sich die Frage, ob wir mit dem Ergebnis zufrieden sind oder nicht. Die breite Tradition der Frauen scheint in diesem Jahrtausend unter tatkräftiger Mithilfe der aktivsten Frauenkämpferinnen ins Nichts zu entschwinden. Der weibliche Weg, das weibliche Selbstbewusstsein ist nach wie vor labil. Im Kampg gegen die sich auf „Natur“ berufenden Bilder werden Begriffe wie Weiblichkeit und Männlichkeit im Genderdiskurs grundsätzlich entwertet.

In der Begeisterung für die Gleichstellung der Frau mit dem Mann in seinem Bereich werden die traditionellen Leistungen der Frauen im sprachlosen Bereich ihrer machtvollen Geschichte völlig übersehen und sind nach wie vor abgewertet. Gefragt und gespottet wurde höchstens, welche hervorragenden Leistungen Frauen eigentlich aufzuweisen hätten. Männer hätten Philosophen, Naturwissenschaftler, Dichter, Abenteurer usw. Frauen suchten nach und finden und fanden hervorragende Frauen und banden ihren Selbstwert an sie. Doch handelte es sich um Frauen, die von der traditionellen Lebensweise der Frauen abgewichen waren. Frauen haben in den Jahrtausenden im Haus trotz massiver Unterdrückung und Verfolgung (man denke nur an die Hexenverfolgungen) enorme Kenntnisse zur Bekämpfung von Krankheiten, Kochkünste und die Gestaltung des Hauswesens bis hin zur Innenraumgestaltung, Kenntnisse zur Babypflege, Kindererziehung und Kinderpsychologie, Kenntnisse in praktischer Seelenkunde und empathische Begabungen entwickelt, Menschen zu stützen, zu ermutigen, zu festigen bzw. im Schatten davon auch das Gegenteil davon zu tun. Frauen wissen auch mit feiner Klinge psychologisch zu unterminieren, abzuwerten, zu entmutigen. Der berühmte EQ hat sich in hohem Maße bei ihnen entfalten können. Mit der zunehmenden Vereinzelung der Kleinfamilien verarmten diese Traditionen, andererseits waren die berufstätigen Mütter auch immer weniger bereit oder in der Lage, die vielen seelenkundlichen und lebenspraktischen Leistungen für die Familien weiterhin zu erbringen.

Damit einher geht natürlich eine Verarmung der menschlichen Lustbarkeiten und Beziehungen. Die Billignahrung, so stellt sich zunehmend heraus, ist ungesund. Essen in Restaurants, wo gekocht wird wie zu Omas Zeiten, kann sich kaum jemand leisten. Die Betreuung in Kinderkrippen und Horten reicht an die persönliche Betreuung innerhalb einer Familie nicht heran, da das Verantwortungsgefühl für Seele und Leib der Kinder nicht so tief in den Betreuungspersonen verankert ist, häufig auf angelerntes Wissen und Regelwerk von Vorschriften zurückgegriffen wird und letztlich eben doch nur ein Job abgearbeitet wird, abgesehen von den engagierten Leistungen der oft auf Basis von Selbstausbeutung arbeitenden Privatinitiativen. Das kann verallgemeinernd auch über die Pflege von Alten und Kranken ausgesagt werden. Festzustellen ist zudem, dass an den genannten Arbeitsplätzen wieder vornehmlich Frauen sitzen, nur dass sie diese früher als unbezahlte Hausarbeit (Sklavenarbeit aus „Liebe) verrichteten Pflichten nun eben als Beruf ausüben und Geld dafür erhalten, sich allerdings außerdem um ihre Familie daheim Sorgen machen. So interessant manche der hauptsächlich von Männern gelieferten Produkte der modernen Medien auch sein mögen, so wiegen sie doch die primäre Erfahrung der Kinder im Austausch mit anderen Kindern und Erwachsenen, mit konkreter Umwelt nicht auf, sinnliche und intuitive Erfahrungen werden ausgedünnt. Auch im Kurs- und Freizeitangebot für Kinder werden die Kinder nur selten in ihrer Individualität erkannt und beantwortet, eine Vermassung findet schon im Kindesalter statt. Die Zulieferung von Nahrungsmitteln ist natürlich entlastend, doch wer es jemals genossen hat, auf einem Markt zu handeln, sich auszutauschen, zu prüfen, zu entscheiden, weiß, dass auch hier eine sinnliche Verarmung stattfindet. Eine riesige Menge an Ratgebern verunsichert die Mütter bei ihrer Aufgabe der Kindererziehung. Experten entmündigen Frauen bei dieser Aufgabe, Intuition und primäre Wahrnehmung in einem geschützten sozialen Feld wird zunehmend ersetzt durch rationale Überlegungen, die breit gestreut kundtun, was angeblich aufgrund der Erkenntnisse der Wissenschaft am besten für die Kinder sei.

So haben die Frauen zwar erreicht, dass sie berufstätig sein und ihr eigenes Geld verdienen können, ihr traditionelles Betätigungsfeld im Haus bei Babypflege, Kindererziehung, Sorge für Leib und Seele der Familienmitglieder, besonders auch ihrer Männer, das sie unendlich lange Zeiten wie Sklaven unentgeltlich und anerkannt nur durch die Bestätigungen und lustvollen Erfahrungen in ihrem Bereich ausgeübt haben, wird nun zerstückt und ist nach wie vor nicht respektiert, ist nach wie vor abgewertet. Ein „Zurück in die alten Rollen!“- Ruf, aber mit Verdienst! wie Eva Herman dies tut, kann daher viele ansprechen, doch das ist sicher nicht die Lösung, denn welche Frau möchte wieder völlig von einem Mann, sei es Vater oder Partner abhängig sein?

 
 
 
 

5. Wie wachsen Kinder heute eigentlich in ihre Rollen hinein?

 
a) Das Mädchen – eine Frau werden
 

In der Kindheit gibt es nach meiner Behauptung kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Jetzt werden viele aufschreien, denn hat nicht schon Freud? Und die Erziehung? Die Umwelt? Natürlich:

Freud hat die Meinung vertreten, das kleine Mädchen beobachte an Bruder oder Vater den Penis und da es keinen habe, halte es sich für kastriert, für unvollkommen. Ein interessantes Bild, eine Meinung. Eine, über die schon viel geschrieben wurde, natürlich meistens, dass das einer der gröbsten Fehler Freuds gewesen sei, der sich aus der Zeit heraus erkläre. Tatsächlich wurde vermutlich zur Zeit Freuds ein Mädchen eher abgewertet, bis hinein in das Frauenleben erlebten weibliche Wesen, dass sie unvollkommen waren, an ihnen haftete offenbar ein Makel, etwas fehlte: das Männliche, der Penis. Denn Wesen mit Penis konnten Positionen in Beruf und Öffentlichkeit, in Wissenschaft und Forschung erringen, Wesen mit Vagina und Klitoris und Busen nur selten. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass diese Realität, die aufgrund eines Frauenbildes entstanden war, das Frauen entwertete, im Unterbewusstsein der Frauen das Bild erschuf irgendwie unvollkommen zu sein, sich zumindest durch den Besitz und die Einverleibung eines Mannes Macht aus zweiter Hand erobern zu können. Somit lässt sich also das Bild Freuds aus den gesellschaftlichen Gegebenheiten zu seiner Zeit erklären.

Ich als Frau heute habe dazu eine völlig andere Auffassung. Man könnte meiner Meinung nach auch das Gegenbild konstruieren. Der Bub beobachtet an Schwester und Mutter, dass die keinen Penis haben und schließt daraus, dass er deformiert sei, weil er da so etwas Unnötiges zwischen den Beinen baumeln hat. Auch ein Bild, ein Scherz, der sich speist aus einem neuen Selbstbewusstsein, das sich z.B. auch in frechen Klosprüchen „Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad.“ äußerte.

Ich glaube, es ist falsch mit Inhalten an das kleine Mädchen heranzutreten und Bilder zu entwerfen, was sich denn nun in dieser kleinen Blackbox, dem Unterbewussten des Mädchens oder des Buben abspiele, da das reine Spekulationen und Projektionen sein müssen. Sie sind nicht überprüfbar, bzw. sofern man versucht sie auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, kann es vorkommen, dass man Bestätigungen für seine Meinungen erhält, weil sich das Wesen, das man untersucht, an die projizierte Meinung anpasst oder sich sträubt, was man erst recht als Bestätigung auffassen könnte. So kommen wir nicht weiter.

 
b) Die Macht der Bilder
 

Ich möchte an dieser Stelle etwas über die Macht der Bilder einfügen, obwohl ich damit den Fluss meiner Erläuterungen unterbreche, um Grundsätzliches zu bedenken zu geben.

 

Der Schriftsteller Max Frisch hat sein Theaterstück „Andorra“ ,wie er selbst sagt, als „Schule des Vorurteils“ konzipiert. Die Bildnisthematik nimmt in dem Stück breiten Raum ein. „Du sollst dir kein Bildnis machen, heißt es, von Gott. Es dürfte auch in diesem Sinne gelten: Gott als das Lebendige in jedem Menschen, das was nicht erfassbar ist. Es ist eine Versündigung, die wir, so sie an uns begangen wird, fast ohne Unterlass wieder begehen.. Ausgenommen, wenn wir lieben.“(TB, S.32) „In gewissem Grad sind wir wirklich das Wesen, das die anderen in uns hineinsehen, Freunde wie Feinde. Und umgekehrt! Auch wir sind die Verfasser der anderen; wir sind auf eine heimliche und unentrinnbare Weise verantwortlich für das Gesicht, das sie uns zeigen, verantwortlich nicht für ihre Anlage, aber für die Ausschöpfung dieser Anlage. Wir sind es, die dem Freunde, dessen Erstarrtsein uns bemüht, im Wege stehen, und zwar dadurch, dass unsere Meinung, er sei erstarrt, ein weiteres Glied in jener Kette ist, die ihn fesselt und langsam erwürgt... (TB,S.9)

 

Undeutlich erkannte Freud etwas, das die Frauen bedrängte, er machte sich ein Bildnis vom weiblichen Selbstverständnis als unvollkommenes Wesen und führte dies auf die ödipale Phase zurück. Damit aber verfestigte er einen historisch und sozial bedingten Zustand auf das weibliche Wesen an und für sich. Wie viele Frauen mit diesem Bild Freuds durch Psychologen, -analytiker und –therapeuten gequält wurden, lässt sich nur vermuten.

 

Viele Bilder bevölkern, ob dem Verstand bewusst oder nicht, den gesellschaftlichen Raum und zementieren Verhältnisse und Gegebenheiten. Denn natürlich lassen sich diese oder jene Befunde über Menschen erheben, selten aber wird nachgeforscht unter welchen Bedingungen diese entstanden sind, worauf diese beruhen. Sehe ich jemanden, der aggressiv ist, kann ich z.B. mit Fug und Recht feststellen, „der Mensch ist aggressiv“. Nur das schwache Verb „ist“ vermag viele verschiedene Sachverhalte zu benennen: „Jetzt momentan ist er aggressiv.“ unterscheidet sich wesentlich von: „Er ist von Natur aus aggressiv, Menschen sind eben so, es gehört zur Wesensart des Menschen aggressiv zu sein, wir sind das Endprodukt einer evolutionären Kette, weshalb sollte der Mensch nicht aggressiv sein mit seinen 30.000 Jahre alten Genen.“ Schlussfolgerungen aus den unterschiedlichen Auffassungen fallen dementsprechend unterschiedlich aus. „Jetzt momentan ist er aggressiv, eigentlich ist er ein Wesen voller Liebe.“ wird dazu führen nach den Ursachen zu forschen, die Bedingungen abzustellen, die den Menschen quälen, in deren Folge er aggressiv wird. In diesem Fall werden die 30.000 Jahre alten Gene nur als Anlage des Menschen verstanden, fähig zu sein, aggressiv zu werden. „Menschen sind von Natur aus aggressiv.“ wird zu einer zivilisatorischen Maßnahme führen das Primitive, Aggressive in dem Menschen zu beugen und seine Wildheit zu zähmen.

Die unterschiedlichen Maßnahmen werden wiederum ganz unterschiedlich auf das Wesen zurückwirken, mit dem ich umgehe. Der, dem ich durch meine Maßnahmen das Bild vermittle, dass er ein liebevolles Wesen habe, wird in irgendeiner geheimen Weise daran anknüpfen können. Der, dem ich durch meine Maßnahmen vermittle, dass er ein aggressives Wesen habe, wird ebenfalls in irgendeiner Weise darauf reagieren. Handelt es sich um ein kleines Kind, dem eine Bezugsperson wiederholt und immer wieder entsprechende Bilder vermittelt, lässt sich vermuten, dass sich umso leichter solche Bilder in das Selbstbild des Kindes einbauen, die ihm am häufigsten angeboten werden. Erwachsene in nicht-strukturierten Zusammenhängen können leichter ausweichen, sich anderswo andere Bilder holen, können auf verfestigte Selbstbilder zurückgreifen. Kinder jedoch werden geprägt. Umso stärker, je jünger sie sind.

 

Bei Erwachsenen können Bilder dieser Art, die wie Stereotype oder Fertigteilhäuser durch die Gesellschaft geistern, Katastrophales bewirken, wie wir alle an der Geschichte des Antisemitismus (vor allem während der Nazizeit) lernen können, wenn sie sich zu Gruppenvorurteilen formieren, wie irgendeine bestimmte Gruppe von Menschen sei. (Die Juden sind... Die Türken sind... Die Amerikaner sind... Die Männer sind... Buben sind eben... usw.) Bilder dieser Art gibt es zahllose, sie sind ihrem Wesen nach absurd, zeugen aber vom Versuch, etwas, was man wahrnimmt und Unbehagen erzeugt, irgendwo festzumachen und in Worte zu fassen. Förderung der primären Wahrnehmung, Sprachschulung und Rollenspiel möglichst ab der frühen Kindheit können dem abhelfen.

 

Ein anderer bedeutender Schriftsteller, Bert Brecht, äußerte sich ebenfalls zum Verfertigen von Bildern im zwischenmenschlichen Zusammenhang, das bemerkenswert ist:

„Der Mensch macht sich von den Dingen, mit denen er in Berührung kommt und auskommen muss, Bilder, kleine Modelle, die ihm verraten, wie sie funktionieren. Solche Bildnisse macht er sich auch von Menschen. Aus ihrem Verhalten in gewissen Situationen, das er beobachtet hat, schließt er auf bestimmtes Verhalten in anderen zukünftigen Situationen. Der Wunsch, dieses Verhalten vorausbestimmen zu können, bestimmt ihn gerade zu dem Entwerfen solcher Bildnisse. Den fertigen Bildnissen gehören also auch solche Verhaltensarten des Mitmenschen an, die nur erschlossene (nicht beobachtete), vermutliche Verhaltensarten sind. Dies führt oft zu falschen Bildern und auf Grund dieser falschen Bilder zu falschem eigenen Verhalten, um so mehr, als sich alles nicht ganz bewusst abspielt... Es kommt viel darauf an, richtiges Schließen zu lernen, aber dies genügt nicht. Es genügt nicht, weil die Menschen nicht ebenso fertig sind wie die Bildnisse, die man von ihnen macht und die man also auch besser nie ganz fertig machen sollte. Außerdem muss man aber auch sorgen, dass die Bildnisse nicht nur den Mitmenschen, sondern auch die Menschen den Bildnissen gleichen. Nicht nur das Bildnis muss geändert werden, wenn der Mensch sich ändert, sondern auch der Mensch kann geändert werden, wenn man ihm ein gutes Bildnis vorhält.“ (Bertolt Brecht: Notizen zur Philosophie 1929-41. in: Schriften zur Politik und Gesellschaft 1919-56,FfM.1974,S168-170)

Bert Brecht hält drei sehr wichtige Aspekte fest: 1. Es ist dem Menschen gar nicht möglich, ganz ohne Bildnisse auszukommen. Er braucht sie, um mit der Welt sinnvoll umgehen zu können. Es handelt sich um seine Fähigkeit zur Symbolbildung. 2. Bei dem Anfertigen von Bildnissen, besonders, was den Menschen betrifft, entstehen häufig Fehler, weil das Leben, das, was Frisch als das Göttliche in diesem Menschen bezeichnet, grundsätzlich Wandlungsenergie ist, Menschen sich daher auch verändern können. Ein Aspekt, der durch die moderne Physik in allen Punkten bestätigt wird. 3. Brecht sinnt daher über die Möglichkeit nach, ob es für Politiker und Künstler, aber auch im privaten Raum, vor allem zwischen Liebenden, nicht sinnvoll wäre, den Menschen ein gutes Bild zu schenken, in das sie hineinwachsen können.

Ich möchte dem noch hinzufügen: Es ist zu vermuten, dass die Bildnisse, die man sich von Dingen und anderen Wesen, auch Menschen macht, nicht nur in die Dinge, sondern auch in die anderen Menschen hineinwirken. Sie wirken umso intensiver, je häufiger sie an das Wesen herangetragen werden. In diesem Wesen werden sie anverwandelt. Je abhängiger und schutzloser das Wesen, umso stärker wirkt sich das Bildnis aus. Eine Reaktionsbildung erfolgt. Das Wesen bildet nun seinerseits eine Wahrnehmung aus, verfertigt ein Bildnis, wie die Welt funktioniert, wie das Gegenüber ist. Es kann dabei zu Prozessen wechselseitiger Verstärkung und Zementierung von Bildern, aber auch zu Bildbrüchen kommen.

Aber alle Bildnisse, die man von der Welt außerhalb verfertigt, stehen auch noch in einem lebendigen Wandlungsprozess mit dem Selbstbild. Erhält ein Wesen vermittelt durch die Umgangsformen der Umwelt positive Bildnisse seines Selbst, wird er auch diese anverwandeln und ich gebe Brecht völlig recht, wenn er meint, dass sich ein Wesen, vor allem ein Kind oder eine Person in einer Liebesbeziehung, zum Besseren entwickelt, je mehr positive Rückmeldungen er erhält. Diese kann es allerdings auch durch den eigenen Austausch mit der Umwelt erhalten. Erlebt das Wesen durch sein Tun Erfolge, z.B. auch im praktischen Handeln, wirkt sich dies ebenfalls positiv auf sein Selbstbild aus. Es kann sich auch selbst positive Rückmeldungen und Bestätigungen geben. Ja, sein zugrundeliegendes Bild über seine Rolle und Aufgabe in der Welt kann wiederum Entscheidendes verändern: Hätte Paulus sich für einen umherziehenden Teppichweber gehalten, hätte er sicher nie diese Wirkungsmacht erreicht. Und welches Selbstbild hatte Brecht, dass er es schaffte in all der Zeit der Verfolgung und im Exil weiterhin so produktiv zu sein? Auf jeden Fall ist es ihm gelungen mit Hilfe seines Selbstbildes zu handeln, mit diesem Handeln, seinen Werken, andere zu überzeugen, die ihm sein zugrundeliegendes Welt- und Selbstbild verstärkten trotz aller Kritik und Ablehnung.

Worauf ich hinauswill, ist Folgendes: Die moderne Wissenschaft hat uns nun hinlänglich überzeugt. Das System: Hier Beobachter, dort fein säuberlich getrennte objektive Außenwelt funktioniert nicht. Allein durch unsere Beobachtung verändern wir die Welt, umso mehr durch unser Handeln. Die Welt ist ein System von wechselseitigen Bezügen. Vor allem in Bezug auf Menschen steht das Erstellen von Bildnissen tatsächlich im Sinne Frischs im Gegensatz zur Kraft des Lebendigen in diesem Menschen, dem ich durch mein Bildnis etwas antue, etwas hinzufüge, ob positiv, ob negativ. Objektiv wahrhaftige Bildnisse gibt es nicht. Es gibt Beschreibungen von Abläufen. Die Blackbox bleibt immer, aus welchen Quellen sich das Verhalten dieser oder jeder Person jeweils speist. Mein positiver Beitrag kann bestehen, etwas Gutes zu unterstellen im Brechtschen Sinne, also dem anderen ein produktives Bild für sein Selbst anzubieten, was auch immer er damit macht.

Ich halte mich in meiner Arbeit an dieses Konzept. Ich werde nicht in den Streit eintreten, was denn nun in Wahrheit angeboren, was angelernt, was natürlich usw. sei. Denn letztlich sind das Glaubensfragen, Bildnisfragen. Trotzdem werde ich diesbezüglich Bilder produzieren in der Hoffnung, dass sie etwas Gutes beitragen.

 
c) Die frühe Kindheit
 

Ich bin davon überzeugt, dass sich in den ersten Lebensjahren jedes Kindes egal welchen Geschlechts über Körperkontakt (beim Wickeln, beim Pflegen, beim Kleiden), über Blickkontakt viele Sensationen an das kindliche Wesen vermitteln, die es in sein Körperschema einbaut, auch seine eigenen Erfahrungen mit dem eigenen Körper (beim Stillen, beim Urinieren, beim Kacken, beim Matschen, beim Strampeln, bei Bewegung überhaupt) formen zunehmend ein Selbstbild, ein Körperbild aus. Lustempfinden ist auf den eigenen Körper und auf alles, was dem Körper Vergnügen bereitet, bezogen. Die Kinder empfinden Matschen als lustvoll, lustvoll erobern sie sich die Welt, ihre Sinne werden bereichert und vielfältigst angeregt. Natürlich beobachten sie auch mit zunehmendem Alter, so etwa ab zwei Jahren auch, was man tut in der gesellschaftlichen Gruppe. Sie ahmen den Tonfall nach, sie erwerben Wortschatz, Mimik und Gestik von ihren primären Bezugspersonen. Ab etwa drei Jahren lieben sie es z.B. kleine häusliche Arbeiten spielerisch nachzuahmen. Wären sie auch von anderen sinnlich einleuchtenden Tätigkeitsbereichen umgeben, würden sie vermutlich auch diese spielerisch nachahmen. Ich konnte dabei keinen Unterschied bei Mädchen und Buben feststellen. Mit etwa vier Jahren, wenn die Kinder in die nach Freud als genitale Phase definierte Zeit kommen, mag es sein, dass sie bereits abgeschaut haben, dass Mädchen den Männern und Buben den Frauen gefallen sollten oder sie entwickeln von innen her erotische Gefühle für den gegengeschlechtlichen Part oder beides. Nicht selten kommt es zu Heiratsanträgen und Rivalitäten. Die Kinder erproben alles, was sie beobachten.

Im Kindergarten kommt es zur Integration in die Gruppe: Fast alle Kinder der westlichen Welt gehen im Alter von drei Jahren in den Kindergarten. Vor allem die Kindergartenbetreuung wird massiv genutzt. Ich wage zu behaupten, dass dies nicht nur auf die Angebote zurückzuführen ist, sondern dass 3-5jährige Kinder massiv andere Kinder brauchen, um sich im Spiel mit anderen Kindern zu sozialisieren. Da die Kinder mehrheitlich im Kindergarten zu finden sind und kaum noch auf Wiesen, in Höfen oder gar auf der Straße spielen, geben auch nicht berufstätige Mütter ihre Kinder in den Kindergarten.

Im Kindergarten erlernen binnen Kurzem alle Kinder, egal wie sie zu Hause sozialisiert wurden, die Normen und Regeln der anderen Kinder, mit denen sie konfrontiert werden und sie ziehen ihre Schlüsse aus den Erfahrungen mit der Betreuungsperson. Hier kommen sie auch in Kontakt mit den Spielsachen, die „man“ haben muss, weil sie als Wert angesehen werden, weil viele Kinder damit spielen, sie erfahren, was es heißt von einer Gruppe, von Spielkameraden ausgelacht, beschämt, ausgeschlossen zu werden, Statussymbole spielen eine Rolle. Hier kommt zum ersten Mal, sofern die Eltern es bis dahin vermieden haben, unweigerlich der Kontakt mit der Sozietät und damit mit der Spielwarenindustrie: Barbie muss sein, Roboter müssen sein, Batman- und Actionman müssen sein, Autos müssen sein, Gameboy muss sein, Videokonsole muss sein, Kindervideos müssen sein, Kinderfernsehen muss sein, Kinderfilme müssen sein, sogar MacDonalds muss sein wegen der vorweisbaren Kindergeschenke, die man dort erhalten hat. Ausschließlich der Weg in den von Eltern bewusst gegengesteuerten Privatkindergarten kann möglicherweise davor schützen. In den meisten Fällen dringen jedoch auch dort die genannten Kindermassenspielwaren ein. Auf diese Weise werden Kinder sehr früh an herrschende gesellschaftliche Images (Bilder) vom Männlichen und Weiblichen gewöhnt. Eltern können dagegen wettern, wie sie wollen: Ob sie nun in Barbie das Objekt der gestylten Tussis aus Modemagazinen, Glitzerwelt und Fernsehserien erkennen, das Objekt vom männerdominierten Blick auf angebliche weibliche Schönheit und diese verabscheuen. Das kleine Mädchen kommt um Barbie nicht herum, wenn es in den Kindergarten geht. Ob die Eltern in Batman und Actionman einen verklemmten Neurotiker erkennen, der seinen Brustkorb unnatürlich aufbläht, um seine Muskeln spielen zu lassen, der kaum in den Bauchraum atmen kann und diesen widernatürlichen Helden verabscheuen. Der kleine Bub kommt um diese Figuren im Kindergarten nicht herum, wenn er in den Kindergarten geht. Soziale Rollen werden eingeübt, die Kinder spielen nach wie vor Vater, Mutter, Kind und Heiraten. Dabei verarbeiten sie nicht nur real erlebte Situationen, sondern auch aus dem Medienbereich Aufgeschnapptes.

Zusammenfassend möchte ich sagen, dass sich die Kinder aus innerem Antrieb und im Austausch mit der umgebenden Welt Bilder im Kopf aufbauen. Sie basteln sich ihre eigenen Bilder, Weltbilder, die sich zusammenfügen aus Myriaden von Eindrücken, Entscheidungen, Schlussfolgerungen, darunter auch Bilder von ihrem Selbst, ihrem Körper und vom Wesen des Weiblichen und Männlichen.

Ich konnte feststellen, dass im Bereich des Bilderverfertigens bezüglich des Männlichen und des Weiblichen im Kopf der Kinder von etwa 5-12 Jahren einige Unklarheiten und Unsicherheiten auftauchen. Ich konnte Buben beobachten, die gerne im Privatbereich bis etwa 9 Jahren mit Puppen spielten (Puppen aller Art vom Legomaxl bis zur Barbie). Sie verkleideten sich auch gerne einmal mit Kleidern von Mädchen und versuchten sich zu schminken. Doch auch diese Buben hatten Angst vor der Gruppe. Sie könnten verspottet, ausgelacht werden und als nicht bubenhaft gelten. In einer Diskussion mit Buben und Mädchen besprachen wir: Was dürfen Buben? Was dürfen Mädchen? Die Kinder hatten sich anhand ihrer Erfahrungen Meinungen gebildet: Rosa und Lila ist für Mädchen: Alles in dieser Farbe verpackte Spielzeug ist für Mädchen. Buben dürfen nicht mit Puppen spielen. Buben dürfen keine Kleider und Röcke tragen. Es ist eine Schande für ein Mädchen gehalten zu werden. Auf die Frage, warum das eine Schande sei, wussten die Buben keine Antwort. Letztlich meinten sie aber, sie wollten als die vorkommen, die sie sind. Ich bin ein Bub, aber was ist das? Verbreitet äußerten Eltern Sorgen, ob ihr Bub auch ja nicht homosexuell werden würde, er sollte möglichst bald ein männliches Selbstbild erhalten. Die Mehrheit der Erwachsenen, mit denen ich konfrontiert war, war jedoch offen und tolerant und ermutigte Buben durchaus, auch zu „Mädchenspielzeug“ zu greifen. Mädchen waren dagegen sehr selbstsicher: Sie durften mit Autos, mit Baumaterialien (Lego und Co), mit Batman und Actionman spielen, sie durften raufen, sich körperlich bewegen, mit Puppen spielen, Hosen, Kleider und Röcke tragen. Nie war in Frage gestellt, ob Mädchen weinen dürfen. Mädchen dürfen Gefühle äußern, was bei Buben durchaus immer wieder zu Diskussionen führte. (Dürfen Buben weinen?)

Ganz wesentlich spielt sich also die Erfahrung mit dem Männlichen und dem Weiblichen in der Kindheit im Kopf ab: Dort, wo Bilder verfertigt werden. Schwer verrückbare Ansichten, weil sie auf unbewusst geprägten Erfahrungswerten und Eindrücken aufbauen, die gestützt oder unterdrückt werden durch die Meinungen und das Verhalten der Erzieher.

 

Meine provokante These zu Beginn dieses Kapitels möchte ich daher nun einschränken:

In der Kindheit konstruiert sich das Bild vom Männlichen und vom Weiblichen vermittelt durch die soziale Umwelt. Diese ist mittlerweile massiv überlagert durch die Produkte der männlich dominierten Industrie, die sich der Kinderwelt widmet. Der „Über-Papa“ ist präsent in den Kinderzimmern. Diese Produkte sind mehrheitlich patriarchal und folgen einem äußerst konservativen Männer- wie Frauenbild.

 

Mütter erziehen nicht allein, sie sind nicht allein haftbar, die soziale Gruppe, die Kindergärtnerinnen, die Spielzeugindustrie und die Massenkultur für Kinder erzieht mit. Natürlich kann die Mutter den Buben dazu ermuntern, mit sich Zwiesprache zu halten, seinen Gefühlen zu vertrauen, sie wahrzunehmen und auszudrücken. Mütter allein reichen jedoch nicht aus gegen den sozialen Druck anzutreten, mit dem ihre Buben, die ihre Weichheit und Warmherzigkeit nach außen tragen und z.B. weinen oder Röcke anziehen und dazu tanzen oder mit Puppen spielen, als „Warme“, als „Schwuler“, als „Weib“ abqualifiziert werden. Gefordert ist hier eine Männerbewegung, die den einseitigen Selbstausdruck und die panische Angst vor der Homosexualität zurückweist und den Buben ebenfalls ein so weites Feld erobert, wie es die Mädchen bereits haben. Zärtliche und warmherzige Männer können nur die sein, die auch in ihrer Kindheit nicht von ihren Gefühlen abgetrennt wurden, die auch in der Kindheit als Freunde beispielsweise Hand in Hand gehen dürfen oder sich ohne Scheu umarmen. Die geforderte Grobheit oder Ruppigkeit als Beweis von „Männlichkeit“ ist doch ein ziemlich begrenztes Modell der Emotionalität. 

 
 
 
d) Pubertät – Adoleszenz
 

In der Pubertät wirbelt es die Jugendlichen nach wie vor in einen wilden Strudel ungeheurer Gefühlswelten. Der Körper entfaltet sich und meldet seine Triebe, die Körper zeigt neue Formen, er wächst, philosophische Fragen hin zum Grund des Seins und dem Sinn des Lebens, nach Vergänglichkeit, Tod und Selbstbestimmung stellen sich, Kindheit wird integriert und es wird langsam abgenabelt.

Und weiterhin dabei der aus der Freizeitindustrie herein greifende Überpapa. Als Bob Pittman, der Erfinder des 24-stündigen Musiksenders MTV darauf angesprochen wurde, ob ihm klar sei, welch tief greifenden Einfluss er auf Jugendliche ausübe, da lehnte er sich zurück und sagte: „Wir beeinflussen sie nicht, wir besitzen sie.“

Bei jungen Kindern – in der Regel bis zur Pubertät – dominieren heutzutage an Nachmittagen und Abenden die akustischen und visuellen Massenmedien sowie Computerspiele die Freizeitgestaltung.

Ab der Pubertät gewinnt der Freundeskreis an Bedeutung. Die Freizeit verlagert sich in die Konsumwelt jugendorientierter Unterhaltungsindustrie: Jugendlokale, Discos, Kinos, Rockkonzerte usw.

Jugendliche suchen gequält von Kontakt- und Realitätsarmut „Feeling, unmittelbares Erlebnis“ ähnlich den Helden im Computerspiel., akustische und visuelle Reize, Action und Spannung sind gefragt und werden anfällig für die seltsamsten Angebote.

Doch die meisten Jugendlichen, geplagt von Existenzangst, wollen zuerst ein Einkommen, bevor sie sich einer Familienplanung zuwenden. Sager wie „Geht nicht zu so vielen Partys, macht lieber Kinder!“ fallen dem Hohnlachen zum Opfer. „Wer soll die Kinder ernähren, wenn wir keine Ausbildung und keinen Arbeitsplatz haben?“

Nur selten haben junge Mädchen heute die Phantasie, dass sie sich von einem Göttergatten aushalten lassen möchten. Viele junge Burschen wollen in einer partnerschaftlichen Beziehung leben.

Die Ideen, was Muttersein, Mütterlichkeit eigentlich bedeutet und wie sich Vater werden in der Realität anspürt, sind jedoch diffus.

 
 
 
6. Mütter und Mütterlichkeit
6.1. Arbeitsplatzbeschreibung:Mutter“
 

Zunächst kann man den Arbeitsplatz „Mutter“ ohne soziale und psychische Folgeschäden für das Kind nicht kündigen. Frau übernimmt eine nahezu lebenslange Verantwortung.

Der Arbeitsplatz „Mutter“ lässt sich als sehr komplex definieren: Größte Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an die Rhythmen und Entwicklungsstadien eines anderen Lebewesens sind erforderlich.

Kenntnisse, die erforderlich sind, die die Frau sich im Zusammenleben mit dem Kind oder besser schon vorher zu eigen machen sollte, sind:

-Stillen und Ernährung in den unterschiedlichen Lebensaltern

-Entwicklungsphasen eines Kindes

-Abweichungen im Verhalten eines Kindes von erwünschten „Standardwerten“ und das Verhältnis dazu

-Kenntnisse in Heilkunde und Gesundheitswesen

-Kenntnisse bezüglich der Forschungsergebnisse der Pädagogik, Psychologie, bes. der Entwicklungspsychologie und der Hirnforschung

 

Selbstverständlich kann eine Frau mit einem mitgebrachten und durch Erfahrung gewonnenen gut ausgeprägten EQ auch viel für ihr Kind tun, doch in Anbetracht der modernen Welt und der Massenkommunikation, der Zunahme der Allergien bei Kindern, der Probleme mit der Fast Food Versorgung, angesichts aller Gerüchte über Entwicklung und v.a. an Mittelwerten orientierte „normale Entwicklung“ samt Leistungsstress für das Kind ab der Wiege  usw. ist Eigeninitiative in all diesen Bereichen zum Erwerb von Kenntnissen durchaus nötig. Ständige Weiterbildung und lebenslanges Lernen sind also dem Arbeitsplatz eingeschrieben.

 

Anders als etwa Kindergartenbetreuer oder Lehrkräfte, die ja auch mit Kindern arbeiten, betreuen Mütter als erstrangige Bezugspersonen ihre Kinder über viele Jahre, daher sind sie gefordert, sich den jeweiligen Entwicklungsstadien der Kinder anzupassen.

Zunächst gewöhnt sich die Mutter daran, dass sie dem Neugeborenen im 3-4 Stundenrhythmus, manchmal auch häufiger, ununterbrochen Tags wie Nachts zur Verfügung stehen muss, um es zu trösten, zu stillen, zu pflegen und ihm seine chaotische, stets vom Auseinanderfallen bedrohte Welt durch Anteilnahme zu sichern, während sie noch über die Körperproduktion des Milchflusses und die Erfordernisse des Stillens nachsinnt. Ist es genug, was das Baby trinkt? Nimmt es ausreichend zu? Warum schläft es nicht länger? Die Stillkrise, die etwa in der 6.Woche und erneut im 3.Lebensmonat eintritt, bietet in unserer Gesellschaft, die kaum über Frauentraditionen verfügt, neue Herausforderungen. Das Baby schreit nun sehr häufig und wird offenbar nicht satt. Nur wenige Mütter wissen Bescheid: Das Baby muss den Busen anschreien, denn dadurch ändert sich die Zusammensetzung der Milch. Das Baby muss nun sehr oft, mitunter alle halbe Stunde nuckeln, denn dadurch wird mehr Milch gebildet. Wundersamerweise braucht das Baby nach etwa 6 Wochen eine Milch, die reicher an Eiweißstoffen ist, nach etwa 3 Monaten eine Milch, die fetthaltiger ist. Durch das Anschreien des mütterlichen Busens bildet die Brust der Mutter exakt die Milch, die für ihren Sprössling die geeignete ist. Es ist auch nicht etwa so, dass alle Milchen aller Mütter für alle Säuglinge gleich geeignet wären. Hier verfährt die Natur höchst individuell. Die Mutter braucht sich in dieser Zeit, sofern sie stillt, auch kaum Gedanken über Infektionskrankheiten des Kindes machen, denn ihre Milch liefert die nötigen Abwehrstoffe gleich mit. Ernährungsfehler der Mutter zeigen sich unmittelbar beim Kind, das sich nach zu viel an Zwiebel möglicher Weise in Koliken windet.

Ich habe gehört, es wäre möglich abzupumpen und jemanden anderen füttern zu lassen. Natürlich besteht diese Möglichkeit. Doch der Busen funktioniert wie ein Zauberbrunnen: Je mehr man heraus nimmt, umso mehr ist drinnen. Regelmäßig zu einer bestimmten Zeit abgepumpt, ergibt zu dieser Zeit eine verfügbare Menge an Milch. Das lässt sich nicht abrupt minimieren, sondern kann nur nach und nach reduziert werden. Auf jeden Fall ist das ideale Zusammenspiel zwischen dem Körper der Mutter und dem des Kindes in so einem Fall nicht gegeben.

Industrie-Fertignahrung statt dem Stillen werden manche aufatmen und dieser Lösung zuneigen. Es hat sich jedoch heraus gestellt, dass viele Kinder wegen der großen Moleküle der Kuhmilch diese nicht verdauen können, Partikel gelangen ins Blut, Abwehrstoffe bilden sich, Allergiker werden herangebildet, die sich später mit Krankheiten wie Neurodermitis oder Asthma herum plagen müssen. Als Empfehlung seitens der Kinderärzte gilt daher „Stillen bis zum 6.Lebensmonat“ möglichst ohne Zufütterung anderer Nahrung, denn das kann Allergien verhindern helfen.

Da sich das Kind entwickelt, lernt es, sich aus eigenem Antrieb zu bewegen, zu drehen, den Kopf zu heben, zu rollen, zu kriechen, zu krabbeln.

 

Leider aber ist der heutige Arbeitsplatz „Mutter“ in der Kleinfamilie durch ein Übermaß an Isolation gekennzeichnet, die Begegnung mit anderen Müttern in derselben Lage läuft nicht selten nach dem Strickmuster ab: „Was das kann Ihrer erst jetzt? Meiner kann schon..“ Die armen Frauen stehen unter Beweiszwang, Leistungsdruck und Konkurrenzdruck, was ihre Isolation verstärkt. De facto könnte ja nichts sie abhalten, Treffen zu organisieren, gemeinsam statt einsam zu kochen und abwechselnd einzukaufen und Wäsche zu waschen. Doch diese Bewegung der Solidarisierung wird in Zeiten des Privateigentums am Kind nicht oder nur selten unternommen. Der Versuch in Wohnprojekten solche Solidarisierung zu ermöglichen hat ja viele Probleme der Grenzziehung bei aller Gemeinsamkeit aufgeworfen. Das Problem des Vergleichs mit dem „normalen Kind“, mit den von der Wissenschaft diktierten Standardwerten, die im Gegensatz stehen zur einzigartigen Individualität des Kindes mit seinen ureigenen Genen, seinen Erfahrungen und Bezügen, seinen Rhythmen, ist eines, das viele Mütter nicht auflösen können.

Wegen der Isolation und dem Leistungsdruck einerseits und der ständigen Verfügbarkeit für das Kind andererseits beginnen nicht wenige Mütter, das Kind „zu fördern“ Sie wollen Leistungen sehen, sie ziehen das Kind hoch, obwohl es von sich aus noch nicht so weit ist, sie spielen zu intensiv mit ihm, sodass sich das Kind kaum abzugrenzen lernt. Das Problem ist, dass die Haltung „Hilf mir, es selbst zu tun!“ von der Mutter, bzw. von der Betreuungsperson sehr viel Disziplin und Zurückhaltung erfordert. Das Bedürfnis sich zu profilieren, es fehlt ja immerhin die Möglichkeit irgendwo Anerkennung zu finden, kann ebenfalls am Kind ausgelebt werden. Das Kind wird rasch zum Manipulationsobjekt, die eigenständige Persönlichkeit des Wesens in seinen feinen Entwicklungsverläufen wird gnadenlos durchbohrt. Protestgeschrei wird nicht selten durch das Setzen „erzieherischer Maßnahmen“ (Klaps, Schimpfen, Beleidigen, Bestrafen des Kindes) unterdrückt.

 

Doch diese Entwicklungsverläufe haben dramatische Konsequenzen. Der Weg zum ersten Schritt, die Art und Weise, wie man gehen lernt, die Art und Weise, wie man behandelt wird in dieser frühen Zeit, prägen das Kind entscheidend. Ja tatsächlich bin ich überzeugt, dass die ersten Lernerfahrungen prägend sind für das Herangehen an Lernen überhaupt. Ob das Kind jemals gerne und eigenständig und begeistert oder nur unwillig, weil gegängelt, lernen wird, wird bereits in dieser Frühphase eingeübt.

 

Der Arbeitsplatz „Mutter“ ist also der einer unbeschreiblichen Macht über den weiteren Lebensweg eines Kindes, die bis weit in das Erwachsenenleben hineinreicht.

 
 
6.1.1 Macht und Autorität

Vielfach haben moderne Montessori-Schulen der westlichen Welt versucht, dem Problem auszuweichen, dass Erwachsene den Kindern prinzipiell überlegen sind. Erwachsene entscheiden, wo die Geburt stattfindet, Erwachsene entscheiden, wann gewickelt und gestillt und getröstet wird, Erwachsene entscheiden, wann die Zeit reif ist für die erste Trennung von der Mutter, wann die Zeit reif ist für welchen Kindergarten, Erwachsene wählen die Nahrung, die Wohnung, das Umfeld aus, sie entscheiden im Wesentlichen, was geschieht.

Die Gestaltung des Eltern-Kind-Lebens in seinen Rahmenbedingungen wird also in erster Linie durch die Erwachsenen gestaltet. Innerhalb dessen bewegt sich das zu betreuende Kind.

Ein gewisser Romantizismus und ein Ausweichen vor der Problematik, die dem Autoritätsproblem inhärent ist, haben Erwachsene dazu verleitet alles „nur vom Kinde aus“ zu betrachten. Die Kinder sollten durch ihre Reaktionen quasi das Leben mit den Erwachsenen gestalten. Doch wir leben nicht am Mond. Die umgebende Welt und mit ihr die realen Gegebenheiten der Kinderwelt samt der dargebotenen Massenkultur, samt dem Freizeitwahn und den Spielzeugbergen, die reale Situation der Eltern in ihren Lebenswelten, in denen sie meist nur im begrenzten Rahmen entscheiden können, wie ihr Leben verläuft, da Politik und Berufssituation tief in ihr Leben eingreifen, da ihre Welt durch Städteplaner und vieles anderes mehr ebenfalls gestaltet wird, verurteilt solche Bestrebungen von vornherein zum Scheitern. Abgesehen davon ist es für Kinder, sofern man ihre Reaktionen ernst nimmt, durchaus auch angenehm, in Welten gesetzt zu werden, von denen Erwachsene in Liebe befinden, dass sie ihnen gemäß sind. In Auseinandersetzung und Erforschung der gesetzten Welt werden sie dann schon zu erkennen geben, was daran gut oder schlecht ist.

Erwachsene Betreuungspersonen haben also die Aufgabe  (immer wieder in Interaktion mit dem Kind) zu entscheiden und zu wählen, welche Umwelt, welche Erfahrung, ihrem Kind gemäß ist. Sollten sie dabei einmal daneben liegen, können sie sich korrigieren. Kinder müssen Schule nicht selbst erfinden.

Wir, die wir gezwungen wurden, die wir geschämt und gedemütigt wurden, haben geträumt von einer selbst bestimmten Kinderwelt. Doch wenn wir anhand der wachsenden Freizeitkultur für Kinder den Freiraum zu groß machen, dann fehlt den Kindern die Orientierung und sie gehen verloren. Das Setzen von Räumen darf gerade in einer Welt, in der so viel gesetzt wird, was dem menschlichen Wesen zuwider läuft, weil es Vereinsamung, Konkurrenz und Stress erzeugt, nicht ausbleiben. Es ist nicht im Geringsten schädlich oder Machtmissbrauch, die Kinder auf die Schule als neuen Lebensabschnitt vorzubereiten, als Raum, in dem sie in erster Linie lernen werden, wie die Welt funktioniert und neue Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen erlernen werden. Schule muss dem auch entsprechen. Eine Schule, die nun kindische Spielangebote macht oder den Reibereien in der Gruppe zu wenig Beachtung als soziale Lernerfahrung schenkt und hier nicht auch strukturierend eingreift, in dem sie ordnende Funktionen erfüllt und z.B. Gesprächsregeln und Gesprächskreise und diverse Rituale einführt, versagt. Die Lernangebote, die entsprechend der Montessori-Methode dem Bedürfnis und der Aufnahmefähigkeit der Kinder nach operativem Tun, sinnlichem „Be-Greifen“ zusätzlich entspricht, wird die Kinder optimal versorgen. Eine Schule, die nur auf theoretische Leistung bedacht ist und weder die Fähigkeiten der Kinder im Allgemeinen noch ihre Individualität beachtet, wird bei Kindern Lernfrust erzeugen. Die Kinder freuen sich auf Schule, sie sind neugierig auf die neuen Erfahrungen. Natürlich muss auch ab und zu ein Lustverzicht gefordert werden, indem die Konzentration auf das Lernen eingefordert wird. Hier sind die Grenzen dem jeweiligen Kind und seiner Persönlichkeit anzupassen und gleichzeitig Gruppenregeln einzuhalten. Ganz bedeutend jedenfalls ist, was schon Carlo Collodi in seinem „Pinocchio“ wusste, dass Kinder, die zum Lustverzicht auf ausschließliches Spielen und stete Freizeitvergnügung nicht bereit sind, die Verwandlung der Kinder in Esel bewirkt. Es geht also um eine neue Fertigkeit, die Selbstkontrolle nötig macht, ähnlich wie das Kontrollieren von Stuhl und Blase. Dass damit große Freude verbunden ist, weil man sich in seiner Tätigkeit wieder entdecken kann, weil man eigene Produkte schätzt usw., weil die mit der Mühe verbundenen Ergebnisse die ganze Persönlichkeit prägen und erfreuen, mehr als dies je ein reines Spiel, das zum Selbstzweck gespielt wird, kann, erfahren Kinder besonders intensiv, deren Tätigkeiten schon als Babys und Kleinkinder ernst genommen und wertgeschätzt wurden. Doch jedes Kind kann dahin gehend unterstützt werden, eine eigene Lernkultur und –freude zu entwickeln und zu entdecken.

Das, was Montessori-Eltern wie Betreuer in diesem Prozess von anderen unterscheiden kann ist das „Hilf mir, es selbst zu tun!“-Prinzip und das „Lass mir Zeit!“ durchaus auch hier in den interaktiven Prozess einzubringen.

Und hier kommen wir dem Machtproblem auf die Spur.

Was tut man, wenn das Kind partout nicht will, was der Erwachsene will?

Möglich ist „Laissez faire“, das Kind einfach machen lassen. Darin drückt sich eine große Lieblosigkeit und ein großes Desinteresse, ja auch ein bisschen Feigheit aus. Denn angesagt ist nun Arbeit, die an die Arbeit eines Künstlers heranreicht. Denn konfrontiert mit einem empörten, sich weigernden Kind muss der Erwachsene beginnen sich selbst zu erforschen, warum ihm die bestimmte Forderung so wichtig ist, er muss sich sogar von allen vernunftgemäßen Erklärungen lösen und hinab steigen in die Erinnerungen an seine eigene Kindheit, die ihm klar macht, woher die heftigen Gefühle kommen, die seine strikte Forderung begleiten, er erkennt sich selbst besser. Danach muss er dem Kind empathisch zuhören, zuschauen, um heraus zu finden, welches Bedürfnis das Kind bewegt, ob es eines ist, das in eine ganz andere Richtung führt oder mit der Kindheit des Erwachsenen in Bezug steht. Durch diese hingebungsvolle Arbeit können neue Wege begangen, neue Lösungen gefunden, Wunden und Probleme beim Erwachsenen gestillt werden. Bruno Bettelheim berichtet in „Ein Leben für Kinder“ (Stuttgart 1987) wie ein Vater, der Wissenschaftler war, entsetzt war, dass sein Sohn sich weniger dem Lernen als dem Sport widmete. Vater und Sohn entfremdeten sich, da der Vater darauf drängte, der Sohn müsse lernen, damit er es später leichter habe, der Sohn aber beharrte auf seinem Weg. Erst als der Vater in seine Vergangenheit stieg und sich als Jugendlichen gegen seinen eigenen Vater rebellieren sah, der damals von ihm wollte, dass er den elterlichen Betrieb übernahm, entwickelte er Verständnis für sich und für seinen Sohn. Er konnte dem Sohn erlauben seinen Weg zu verfolgen und die Beziehung zwischen ihnen wurde wieder sehr nahe.

In Gefahren- und Notsituationen sind selbstverständlich strikte Sofortmaßnahmen auch gegen den Willen des Kindes zu ergreifen. Es besteht durchaus die Möglichkeit sich später eingehend mit ihm darüber zu unterhalten.

 

Aber: Was geschieht, wenn man einem Baby, das noch nicht von selbst bereit und fähig ist aufzustehen, das Aufstehen mit Gewalt aufzwingt, indem man es hoch zieht und fest hält? Möglicherweise auch noch seine Beinchen auf und ab bewegt, damit es erste „Schrittchen“ „übt“? Dem Baby wird jede Eigeninitiative genommen, es wird quasi überwältigt und mit Macht, ja der überlegenen Körperkraft des Erwachsenen dazu gezwungen, etwas zu tun, wofür es noch nicht reif ist.

Nicht nur, dass dies schädlich für seine körperliche Entwicklung sein kann, wird vor allem sein Geist beschädigt, es wird zum Objekt erwachsener „Förderung“. Ich habe so einen Fall erlebt: Das Baby hatte kurz zuvor begonnen begeistert sich aus eigenem Antrieb über den Boden zu schieben und war stolz auf diese neue Leistung, es war etwa 7 Monate alt. Es hatte noch nicht das Bedürfnis aufzustehen, es krabbelte auch noch nicht. Der Vater hob es, als die Mutter ihm für ein paar Stunden das Kind überließ, mit Körperkraft in die stehende Position, hielt es mit einer Hand fest und bewegte seine Beinchen auf und ab. Als seine Frau zurück kam und entsetzt war, rief er begeistert: „Siehst du, es zittert am ganzen Körper, aber es steht noch immer!“ „Kein Wunder, wenn du es mit Gewalt fest hältst“ Die Frau nahm ihm das Kind weg, der Vater wiederholte dieses Training gegen den Willen seiner Frau, er nannte es das Steh- und Geh-Training, er wollte wichtig sein für das Kind. In der Folge wurde das Kind inaktiv, es bewegte sich nicht mehr aus eigenem Antrieb, es schob sich nicht mehr über den Boden. Es saß in einer Ecke und schrie, es wollte aufgehoben werden, es wollte das Geh- und Steh-Training. Der Vater war den ganzen Tag abwesend. Die Mutter hatte nun ein abhängiges schreiendes Bündel vor sich, das nicht mehr wusste, wie man sich aus eigener Kraft holt, was man möchte. Sie versuchte sich gegen die wilden Forderungen des Kindes taub zu stellen, ihm Spielsachen etwas außer Reichweite zu legen, damit es seine eigenständigen Übungen wieder aufnahm, sich fort zu bewegen. Doch da war nichts mehr zu machen. Die Tage gerieten zu einem nervenaufreibenden Krieg zwischen dem Kind und der Mutter, die schließlich nachgab. Der Vater triumphierte, als das Kind mit 8 Monaten an zwei Händen geführt lief. Es konnte nicht eigenständig aufstehen, es konnte nicht kriechen, nicht krabbeln, aber man konnte überall angeben, das Kind ginge nun schon. Die Mutter war blass vor Wut, da sie sah, wie sich die Beinchen des Kindes bogen und wie arm und abhängig das Kind nun geworden war. Seine erste grundlegende Lernerfahrung war völlig verdorben. Die Mutter wusste, das Kind hatte nun nicht gelernt, was es heißt, Schwierigkeiten zu meistern und nicht aufzugeben (immer wieder hinfallen beim selbständigen Üben, Fehler machen heißt lernen), Raum- und Körpergefühl zu entwickeln usw. Es hatte völlige Abhängigkeit erfahren und im Wesentlichen nichts gelernt. Es würde ein schwieriges Kind werden, das diese Lernerfahrungen später noch nachholen müsste. Der Vater war erbost, dass seine Frau immer alles besser wisse. Er begann nun, sich hinzuhocken und dem Baby das Krabbeln vorzumachen, er wollte dem Baby das Krabbeln beibringen. Das Baby aber interessierte sich überhaupt nicht für seine Verrenkungen, sondern schrie, weil es herum geführt werden wollte.

Etwas Bedeutendes war geschehen. Macht war missbraucht worden, Macht, die natürlich jeder Erwachsene angesichts eines kleinen Babys oder Kindes hat.

 

Eine andere Sorte des Machtmissbrauchs begegnete mir, als ich einen Erwachsenen beobachtete, der einen kleinen Buben, der die 2. Volkschulklasse besuchte, rechnen ließ. Das Kerlchen hatte gerade das kleine Einmaleins gelernt und war sehr stolz, dass es dieses so gut beherrschte. Daher rechnete es vor. Der erwachsene Mann, ein Freund der Familie, bewunderte den Buben und gab ihm nun Aufgaben aus dem großen Einmaleins. Der Bub sollte 17x8 rechnen und dergleichen. Als der Kleine an mehreren Aufgaben scheiterte, zuckte der Mann die Achseln und meinte nur, er müsse noch viel lernen. Enttäuscht und traurig über seine Unfähigkeit wandte sich der Bub nun wieder anderen Dingen zu.

Zur Rede gestellt, meinte der Mann zur Mutter, er hätte den Buben fördern wollen.

 

Welche Sorte des Machtmissbrauchs ist in beiden beschriebenen Fällen erfolgt? In beiden Fällen wurde auf die vorhandene Entwicklungsgegebenheit des Kindes keine Rücksicht genommen.

Was lerne ich, wenn ich mit Gewalt und fremder Hilfe dazu gebracht werde, auf einen steilen Felsen zu klettern? Dass ich selbst nicht dazu fähig bin. Ich bin zwar zuletzt oben, doch ich lerne nur, dass es mächtige Wesen gibt, denen ich gehorchen und vertrauen muss, die werden die entscheidenden Probleme für mich lösen, ich werde abhängig, ich entwickle kein Kompetenzgefühl.

Was lerne ich, wenn ich ein kompliziertes Problem aus der höheren Mathematik lösen soll und der Aufgabensteller dies mit Leichtigkeit bewältigt, ich aber nicht die Grundlagen dafür habe? Dass ich ein Versager bin und der andere ein großartiger Gewinner, den ich nicht erreichen kann. Ich gebe auf.

 

Die Prinzipien von Maria Montessori „Hilf mir, es selbst zu tun!“ und „Lass mir Zeit!“ erfordern Selbstdisziplin von den Betreuern. Sie geben dem Kind Mittel in die Hand selbständig etwas zu lernen und zu tun. Sie drängen das Kind nicht, das Kind kann seinen eigenen Rhythmus wählen, im Laufe dessen es etwas lernen möchte. Voraussetzung ist natürlich, dass man die Entwicklungsphasen und die Fähigkeiten des Kindes sehr gut einschätzen kann, damit die Herausforderungen, die man ihm anbietet und nicht aufzwingt oder aufdrängt, auch den Strukturen seiner Aufnahmefähigkeit entsprechen.

Einem Kind, das begeistert zu kriechen lernt, kann man daher zusätzliche Anreize oder Hürden bei seiner Selbsttätigkeit bieten und beobachten, ob es diese aufgreift. Es geht um den respektvollen interaktiven Austausch.

Einem Kind, das soeben die Begeisterung am gelernten Einmaleins erfährt, kann man an kleinen praktischen Beispielen zeigen, wie nützlich die gewonnen Fertigkeiten im alltäglichen Leben sein können, wie schnell z.B. ausgerechnet werden kann, wie viel Äpfel 5 Kinder brauchen, wenn jedes 2 Äpfel haben möchte. Nun muss man nicht mehr zählen. Das stärkt das Selbstbewusstsein des Kindes und erweitert seine Fähigkeiten auf der Basis des Erlernten.

 

Maria Montessori und eigentlich alle bedeutenden Pädagogen haben immer wieder versucht, wesentliche Entwicklungsphasen im Verlauf eines Kinderlebens fest zu schreiben um Orientierung für Lehrer und sonstige mit Kindern befasste Personen zu geben. Doch tatsächlich hat jedes Kind eine sehr individuelle Entwicklung, die Entwi


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