
Die Prinzipien von Maria Montessori „Hilf mir, es selbst zu tun!“ und „Lass mir Zeit!“ erfordern Selbstdisziplin von den Betreuern. Sie geben dem Kind Mittel in die Hand selbständig etwas zu lernen und zu tun. Sie drängen das Kind nicht, das Kind kann seinen eigenen Rhythmus wählen, im Laufe dessen es etwas lernen möchte. Voraussetzung ist natürlich, dass man die Entwicklungsphasen und die Fähigkeiten des Kindes sehr gut einschätzen kann, damit die Herausforderungen, die man ihm anbietet und nicht aufzwingt oder aufdrängt, auch den Strukturen seiner Aufnahmefähigkeit entsprechen.
Einem Kind, das begeistert zu kriechen lernt, kann man daher zusätzliche Anreize oder Hürden bei seiner Selbsttätigkeit bieten und beobachten, ob es diese aufgreift. Es geht um den respektvollen interaktiven Austausch.
Einem Kind, das soeben die Begeisterung am gelernten Einmaleins erfährt, kann man an kleinen praktischen Beispielen zeigen, wie nützlich die gewonnen Fertigkeiten im alltäglichen Leben sein können, wie schnell z.B. ausgerechnet werden kann, wie viel Äpfel 5 Kinder brauchen, wenn jedes 2 Äpfel haben möchte. Nun muss man nicht mehr zählen. Das stärkt das Selbstbewusstsein des Kindes und erweitert seine Fähigkeiten auf der Basis des Erlernten.
Maria Montessori und eigentlich alle bedeutenden Pädagogen haben immer wieder versucht, wesentliche Entwicklungsphasen im Verlauf eines Kinderlebens fest zu schreiben um Orientierung für Lehrer und sonstige mit Kindern befasste Personen zu geben. Doch tatsächlich hat jedes Kind eine sehr individuelle Entwicklung, die Entwicklungsphasen sind zudem kulturell geprägt und bieten jedenfalls nur eine Orientierungshilfe für die Betreuungsperson.
Eine gute Betreuungsperson hat daher die ungeheure Aufgabe stets präsent und wach zur Kenntnis zu nehmen, was das Kind bewegt, womit es beschäftigt ist, womit es konfrontiert werden kann und soll. Selten verläuft das Leben mit einem Kind ohne heftige Gefühle auch seitens der Erwachsenen ab, die ihrerseits aus ihrer eigenen Kindheit stammen oder aus Drucksituationen in ihrer Gegenwart. Um gemeinsam mit einem Kind zu wachsen braucht es Feedback, braucht es notwendig Solidarisierung.
Eine gute Betreuungsperson setzt ihre ohnehin, allein durch die unbedingte Liebeszuwendung des Kindes und die Liebesbedürftigkeit des Kindes, gegebene Macht außerordentlich zurückhaltend ein. Am besten ist es, wenn sie immer wieder auf Augenhöhe sich zu dem Kind auf den Boden kauert und nachprüft, ob ihre Annahmen auch tatsächlich stimmen, wie sich die Situation aus der Perspektive des Kindes darstellt. Sie bietet an, niemals zwingt sie etwas auf. Als gesichert kann gelten, Kinder wollen lernen, sie wollen sitzen, stehen, gehen, selbständig essen, sprechen, laufen, lesen, sprechen, rechnen lernen und sich die ganze Welt zu eigen machen, jedes Kind im eigenen individuellen Rhythmus. Alle Kinder haben sozusagen eine Forschernatur, der angemessene Umgang der Betreuungspersonen mit diesem Forschergeist kann Kindern helfen ihre Begeisterung für lebenslanges Lernen zu behalten.
Das erfordert von den Betreuungspersonen ungemein viel Aufmerksamkeit, nicht nur für das Kind, sondern auch für eigene Begrenztheiten, für eigene Zwanghaftigkeiten und autoritäres Machtgehabe.
Autorität kommt dort ins Spiel, wo Kinder Grenzen suchen. Auch das ist ein Versuch der Kinder, sich Welt zu eigen zu machen. Die Frage der kleinen Forscher ist: Was macht der Erwachsene, wenn nicht geschieht, was erwartet wird? Diese Frage wird nicht mit diesem Gedanken von den Kindern gestellt, dennoch kommt es gerade in Begegnung mit Betreuungspersonen, die allem nachgeben oder mit Betreuungspersonen, die sehr viel unnütze Regeln aufstellen zu solchen Themen und damit verbundenen Reibereien zwischen Kindern und Erwachsenen. Natürlich ist auch hier wieder gefragt, dass die Betreuungsperson ihre eigenen Grenzen und die Gefahren und Grenzen der Situation auslotet um danach Regeln festzulegen, was gemacht wird.
Es ist ein verbreiteter Irrtum, dass Montessori-Pädagogik ohne Regeln und Grenzen auskommen könnte. Ganz im Gegenteil. Die meisten Montessori-Pädagogen halten z.B. eine angenehme saubere Umgebung für Kinder im Kinderhaus (3-6jährige) für außerordentlich wichtig und halten daher die Kinder früh dazu an, z.B. ihre eigenen Teller abzuwaschen und wegzuräumen usw.
In unserer Überflussgesellschaft mit Massenkultur für Kinder gibt es natürlich auch das Phänomen, dass Kinder unbedingt alles haben möchten, was sie im Supermarkt oder in der Werbung sehen oder nur noch Eis essen wollen usw. Auch hier ist die strikte Leitung durch die Autorität des Erwachsenen gefragt, der das Kind vor Überfrachtung durch den Überfluss schützt.
Erziehen ist wie Lehren – so stellte bereits Bruno Bettelheim fest – eher eine Kunst als eine Wissenschaft. Erforderlich ist die stete Bereitschaft auch die eigenen strikt vorhandenen Überzeugungen zu hinterfragen, die eigenen Emotionen bis in die eigene Kindheit hin auszuloten, die Situation auch aus den Augen des Kindes mit dessen Motiven zu erfassen, da nichts, was ein Kind tut ohne vernünftigen Grund erfolgt, gleichzeitig aber auch die Ziele nicht aus den Augen zu verlieren und diese nötigenfalls zu korrigieren. Die ganze Persönlichkeit ist gefordert in dieser komplexen Interaktion zwischen Ungleichen, nämlich Erwachsenem und Kind, in dieser Frage der Anwendung von Autorität, die nicht in bloße Machtausübung ausarten soll. Ein außerordentlich interessantes Gebiet v.a. in einer Gesellschaft mit Problemen im Umgang mit Macht und Autorität.
Dass man hofft, Experten könnten Eltern diese mühsame Arbeit abnehmen, ist eine Erscheinung der Bequemlichkeit, die letztlich unbefriedigend ist, da sie einen das eigene Leben und die darin enthaltenen Entwicklungsmöglichkeiten versäumen lässt.
Ein wesentliches Erziehungsziel und nicht bereits eine stets vorhandene Voraussetzung ist die Fähigkeit des Kindes zur Selbstbestimmung. Das erfordert die Kompetenz des Kindes, es muss in seinen Problemen immer wieder auf die Höhe seiner Zeit kommen und konstruktive Lösungen finden. Das ist heute gar nicht leicht herzustellen. Denn in dem Maße, wie Kinder-Massenkultur die Kinderzimmer überschwemmt, sind sogar Eltern großteils überfordert, Orientierung zu finden und kompetent zu handeln.
Im Alter, in dem die Kinder noch zu Hause sind und sich kaum für andere Kinder interessieren und auch noch dem Gruppendruck nicht ausgesetzt sind, also bis etwa 3 Jahren, kann die Mutter oder der Vater oder eben die Betreuungsperson, die beim Kind bleibt, im Wesentlichen noch die Welt samt ihren Erlebnismöglichkeiten entsprechend ihren Überlegungen auswählen und gestalten. Sie kann eine Wohnung am Land, am Stadtrand oder in der Stadt wählen, sie kann weitere Betreuungspersonen als soziales Umfeld organisieren, sie kann Spielzeuge bewusst auswählen und die Wohnsituation ihren Vorstellungen gemäß gestalten. Dies möglichst kindgerecht zu tun, setzt schon viel Denkarbeit und Auseinandersetzung mit herrschenden Angeboten voraus und hängt nicht zuletzt vom jeweiligen Weltbild der Betreuungspersonen ab. Diese Jahre sind sehr prägend für das Kind, ja bilden die Basis für sein Grundgefühl des in der Welt Seins und sind nicht zu unterschätzen.
Danach im von den Betreuungspersonen gewählten Kindergarten entsteht die Gruppensituation für die Kinder. Es beginnt die Zeit des Gruppendrucks, bestimmte Spielzeuge haben „zu müssen“, weil sie Wertmaßstäbe darstellen. Das zieht sich bis ins Erwachsenenleben. Es gibt die Phase der Markenklamotten, die jedes Kind und jeder Jugendliche tragen „musste“, um „in“ zu sein, es gibt die Zeit der Videokonsolen, die die Kinder haben „müssen“, um dazu zu gehören. Fernsehsendungen und Filme müssen gesehen worden sein usw. Der „Über-Papa“ schafft es also bereits via Kindergarten seine Produkte an die Kinder abzusetzen. Eltern müssen ein steigendes Vermögen ausgeben, um Kinder durch die Institutionen begleiten zu können. Es nützt kaum etwas, gegen brutale Videospiele oder brutale Videofilme zu wettern und den Wert von Büchern zu loben, sowie unnütze Geldausgaben vermeiden zu wollen. Hier ist eindeutig „Über-Papa“ stärker. Lediglich die Flucht in Privatinitiativen, wo sich andere bewusste Eltern zusammentun, kann die Kinder vor diesem Druck längere Zeit bewahren. Doch auch hier fragen sich Eltern, ob ihre Kinder nicht weltfremd werden, wenn sie mit dieser „inneren Globalisierung“ so gar nicht konfrontiert werden.
Was helfen kann, ist eine außerordentlich frühe Medienkompetenz der Kinder. Je früher diese einsetzt, desto besser.
Als der Sohn einer Bekannten überzeugt war, dass er Harry Potter treffen könnte, da er ihn immerhin im Kino gesehen hatte, fuhr seine entschlossene Mutter mit ihm zum Fernsehstudio und besuchte mit ihm eine Blue-Box-Vorführung. Der Bub sah alle halb aufgebauten Wohnzimmer, die Illusion erzeugten und mittels Blue Box „flog“ er am Bildschirm durch den Grand Canyon und durch die Sternenwelt. Er kratzte auch einem Politiker die Glatze. Dies beeindruckte das Kind tief. Es war 5 Jahre alt. Es hatte eine neue Erfahrung und verwechselte die flimmernden Bilder fortan nicht mehr mit der Realität. Der Bub und seine Geschwister erhielten eine Videokamera und mit Freunden inszenierten sie selbst kleine Szenen mit raffinierten Tricks.
Das Mittel, das diese Mutter gefunden hatte, war, dass die Kinder auf der Höhe ihrer Erlebnisse blieben und Kompetenz entwickelten damit umzugehen.
Eine geeignete Kompetenz für Barbie, Actionman, Spiderman usw.und brutale Videospiele habe ich noch nicht gefunden. Es gibt kaum Produzenten von sinnvollen und spannenden Kinder-Videospielen, die sich etwa an guter Kinder- und Jugendliteratur orientierte. Der Massenmarkt orientiert sich am Schema Gut-Böse, Böse gewaltsam besiegen, dabei Punkte sammeln, am Ende als Held dastehen.
Eine Bekannte erlaubte trotz Widerwillen aufgrund des Kindergartenbesuchs und des Gruppenzwangs und dem daraus resultierenden heftigen Wunsch des Kindes mehrere Barbies samt Zubehör. Doch sie besorgte auch Troll- und Cabbage-Babies und spielte intensiv mit diesen Puppen mit ihrer Tochter, während sie die Barbies nicht beachtete und ihre Tochter allein damit spielen ließ, was diese jedoch kaum störte. In der Pubertät, als die Tochter das Barbie-Ideal an ihre Figur anlegte, begann sie mit dieser über das Problem des Barbie- Wahns in der Gesellschaft ausführliche Gespräche zu führen. So hatte diese Mutter das Problem als Bestandteil der Welt nicht ausgeklammert, aber sie versuchte ihr Kompetenz zu vermitteln mit dem Barbie-Wahn schon sehr früh selbständig zurecht zu kommen. Die Mutter scheute sich nicht Models, Stars, Starlets, Magersucht und Schönheitsoperationen nach dem Komplex „Barbie-Wahn“ anzusehen. Gemeinsam kamen sie zu dem Schluss, dass sie doch lieber Persönlichkeiten wären.
Die Tragik all der erforderlichen Kompetenzen angesichts der „Globalisierung nach innen“, die einer Verarmung und Vereinheitlichung der Welt gleich kommt, ist, dass das grundlegende Bedürfnis, in der Gruppe etwas zu teilen und Gemeinsamkeit auszubilden zutiefst authentisch und wahrhaftig ist, aber nur auf Produkte der Warenindustrie und Massenkultur sowie völlig zerstückte Wertmaßstäbe voneinander isolierter Familien trifft, die zunehmend scheitern, sich gegeneinander abschotten und zu übertrumpfen suchen, aber alle in diesem Warenhaus gefangen sind.
Es ist letztlich kein Wunder, wenn wir insgeheim die Kulturen der 3. Welt beneiden, in denen ein soziales Miteinander und eine gewisse Geborgenheit in dörflichen Strukturen, zumindest aus der Ferne betrachtet, noch möglich scheint, mithin eine größere emotionale Wärme und Vitalität zu verspüren ist.
Um den Kindern die Basis früher Erfahrung, Muttersprache, Bindungsfähigkeit, Vertrauen in die Liebe usw. bewusst zu erhalten, ist es sinnvoll sich gegen eine allzu frühe Trennung der Kinder von den Eltern zur Wehr zu setzen.
„Gesetzt wir hätten als Menschen produziert. Jeder von uns hätte in seiner Produktion sich selbst und den anderen doppelt bejaht:
Ich hätte 1) in meiner Produktion meine Individualität, ihre Eigentümlichkeit vergegenständlicht und daher sowohl während der Tätigkeit eine sinnvolle Lebensäußerung genossen als im Anschauen de Gegenstandes die individuelle Freude, meine Persönlichkeit als gegenständliche, sinnliche, anschaubare und darum über allen Zweifeln erhabene Macht zu wissen.
2) In deinem Genuss oder deinem Gebrauch meines Produkts hätte ich unmittelbar den Genuss, sowohl des Bewusstseins in meiner Arbeit ein menschliches Wesen befriedigt als das menschliche Wesen vergegenständlicht und daher dem Bedürfnis eines anderen menschlichen Wesens einen entsprechenden Gegenstand verschafft zu haben.
3) Für dich Mittler zwischen dir und der Gattung gewesen zu sein, also von dir selbst als eine Ergänzung deines Wesens und als ein notwendiger Teil deiner selbst gewusst und empfunden zu werden und sowohl in deinem Denken wie in deiner Liebe mich bestätigt zu wissen.
4) In meiner individuellen Lebensäußerung unmittelbar deine Lebensäußerung geschaffen zu haben, also in meiner individuellen Tätigkeit unmittelbar mein wahres Wesen, mein menschliches, mein Gemeinwesen bestätigt und verwirklicht zu haben.“ Geschrieben von einem jungen Romantiker namens Karl Marx (MEW,EB 1,462); zit. nach Gertraud Fädler „Die schwarze Sonne der Romantik“ in der Zeitschrift „Die Sonne“
Es wäre sicher lohnenswert die Beziehung von Karl Marx zu seiner Mutter zu betrachten, denn dieses idyllische Stimmungsbild lässt eine sehr glückliche Mutter-Sohn-Beziehung vermuten.
Kinder produzieren von innen nach außen, wenn sie ungestört sind, sind sie nicht entfremdet, sie spiegeln in ihren Produkten innere wie äußere Welt und erhalten Antwort in den Augen der Betreuungsperson, (häufig der Mutter) welche das Werk zu würdigen weiß.
Arno Stern, der große Pädagoge, der das Malen aus dem inneren Raum initiierte, erkannte, dass ungestörte Kinder nahezu aller Kulturkreise die selben Zeichen und Symbole produzieren, wenn sie zu zeichnen und zu malen beginnen, als vollzögen sie dabei etwas zutiefst Menschliches. Ich möchte mich gar nicht in philosophischen Betrachtungen verlieren, was dies bedeuten mag.
Tatsache ist vielmehr, dass der dialektische interaktive Prozess, in dem man sich am Arbeitsplatz Mutter befindet, einer ganzheitlichen Erfahrung, also einer Forderung von Herz, Kopf, Hand, Hirn und Bauch gleich kommt. Es ist nicht-entfremdete Arbeit.
Es bleibt ein Mythos, dass diese umfassende Arbeit, die so radikal das Leben einer Frau verändert, da sie diese mit bis dahin unbekannten Erfahrungen konfrontiert, denen sie sich nun gewachsen zeigen muss, ausschließlich zur Selbsterfüllung, zum eigenen Vergnügen oder aus Liebe geleistet werden soll. Immerhin handelt es sich um den Bereich der Reproduktion der Gesellschaft. Ohne Kinder stirbt die Menschheit aus. Es ist also gleichzeitig eine individuelle wie eine gesellschaftliche Leistung und Erfahrung.
Es heißt, Frauen, die nach der Geburt beim Kind zu Hause bleiben, arbeiten nicht. Tatsächlich gibt es keine vergleichbar arbeitsintensive Zeit im Leben einer Frau, die sie derart umfassend fordert, sie jedoch auch positiv mit den Ergebnissen ihrer Arbeit erfüllt wie die erste Zeit mit dem Kind.
Berufstätigkeit gilt als Arbeit, da diese bezahlt wird. Da ist nicht die Frage, welche Befriedigung die Arbeit selbst abwirft oder welche Bedeutsamkeit sie für die Gesellschaft hat, allein das verdiente Geld zählt. In einer Gesellschaft, die alles und jedes in Geldeinheiten bewertet, ist eine Frau, die „nur“ zu Hause beim Kind ist, eine, die kaum eigenes Geld hat, gering geschätzt wird und auf einer der untersten Stufen der Gesellschaft steht. Es heißt, sie arbeitet nicht.
„Sie soll wieder arbeiten gehen.“, wird fast vorwurfsvoll gesagt.
„Sie verliert ja den Anschluss an die beruflichen Entwicklungen, wenn sie zu lange zu Hause bleibt.“
„Sie kann keine Karriere machen.“
„Sie ist aus der Öffentlichkeit ausgeschlossen.“
„Sie wird vom Arbeitsmarkt verdrängt.“
Hier geistern viele Bilder, die bis ins vergangene Jahrhundert zurückreichen, herum:
Die Kirche und mit ihr konservative Kreise der Christlich-Sozialen waren stets dafür, dass Frauen so viel verdienen sollten, dass Frauen nicht berufstätig sein müssten.
Aber auch die linken Theoretiker wie Friedrich Engels formulierten zeitweise Zweifel, ob es sein müsste, dass auch Frauen sich bewusst der Ausbeutung und dem entfremdeten Arbeitsprozess aussetzen sollten.
Es waren Frauen, bürgerliche wie proletarische, die das Recht auf Erwerb forderten, da sie die Abhängigkeit von den Männern und die Verdrängung in die heile Welt der Familie, die selten heil und nur mit Mühe durch unbezahlte Frauenarbeit herstellbar war, ablehnten. Die Weltkriege zeigten, dass Frauen die Männer an den Arbeitsplätzen gut vertreten konnten. Sie bildeten neues Selbstbewusstsein aus, das ihnen nicht mehr genommen werden konnte.
Doch die stille Arbeit, die Frauen in ihrem Bereich als Mütter und Hausfrauen zusätzlich oder ausschließlich leisteten, geriet nie ins Blickfeld.
Die Nationalsozialisten verdarben diesen Blick und den Bereich selbst, indem sie ihn bis zum Mutterkreuz und Muttertag in den Opfermythos stilisierten. Gleichzeitig kursierten die sinnenfeindlichsten und autoritärsten Begriffe von Kindererziehung, die denkbar waren. Lebendige Frauentraditionen wurden zerstört, spätestens als in Nachfolge des Faschismus die neue Fernsehwerbemutti mit gestärkter Schürze das weißeste Weiß in ihre Wäsche wusch. Dagegen opponierte die Frauenbewegung der 60er Jahre. Heute sind die Frauenbewegten so selbstbewusst, weil sie sehen, dass sie die Welt erobern wollen und können. Der Sturm auf die Führungs-Etagen der Welt beherrscht die Gender-Debatten so mancher Frauenbewegten.
Ich gebe zu bedenken, dass hier jedoch das weibliche Bein, der weibliche Bereich ausgespart wurde. Was geschieht mit dem Frauenbereich?
Transferleistung ist das Schlagwort der modernen Welt. Für alles gibt es Experten und Spezialisten. Für Schnupfen gibt es Sprays vom Arzt und der Apotheke, für Erziehung Ratgeber, Psychologen, Pädagogen in zahllosen Einzeldisziplinen, für Essen gibt es Tiefkühlkost, Fast-Food-Ketten, Lokale usw., für Altenpflege Altersheime, für Kinder Kinderbetreuung und Kinderfreizeitmassenkultur, bald sogar Krippenplätze ab kurz nach der Geburt.
Die Frage ist jedoch, ob durch diese Transferleistungen nicht eigentlich unser Leben vermarktet wird.
Es scheint eine Frage der Zeit, bis Beziehungsarbeit, also die Arbeit, die man zum Zwecke der eigenen Reifung und der Reifung des Partners in interaktiver Kommunikation leistet, als Transferleistung von Experten, Lebensberatern, Coaches geleistet werden wird. Was ist es? Was bleibt vom Leben?
Was brauchen wir um uns als Mensch zu fühlen, innen wie außen ganz und erwünscht, lebensbejahend, erfüllt?
Vorwurfsvoll erhob eine 68er Linke gegen mich ihre Stimme, weil ich mich gegen Krippenplätze stark machte: „Du Romantikerin, du willst wohl den Kapitalismus abschaffen?“
Ehrlich gesagt, ich finde in allen politischen Parteien und Richtungen Menschen, die sich ihr Leben und ihre Lebenserfahrung nicht in Nichts auflösen lassen wollen.
Wenn Leben und Arbeit von Menschen dort, wo diese sie persönlich berühren und in Frage stellen und damit herausfordern, nur mehr als Belastung abgelehnt werden, bleibt dann nicht uns eine flache Schablonenwelt zurück, eine Happy-Peppi-Freizeitkultur?
Die Babys sind am Krippenplatz, die Alten im Altersheim, alle werden von an der Hochschule ausgebildeten Fachkräften „gefördert“, was immer das auch heißen mag, und die Erwachsenen versuchen, sich zu verwirklichen, indem sie Karriere machen, d.h. sie müssen wo auch immer möglichst effizient im Berufsprozess hochleisten. Das erworbene Geld geben sie für Transferleistungen aus oder verprassen es in der Freizeit-Massenkultur. So etwa sieht wohl das Konzept aus.
Die Rechnung geht nicht auf. Die Kinder verkommen in dieser Freizeitkultur, eine Verzerrung zu einem Mehr an Kulturlosigkeit ist die Folge. Psychische Krankheiten, Allergien, Umweltkatastrophen nehmen zu. Die Einheit des Lebens mit der Natur innen und der Natur außen ist gebrochen. Auch wenn das manchen romantisch anmutet, obwohl sie als Globalisierungsgegner und Umweltschützer auftreten, so ist dennoch die Stellung zu den Müttern ein Kernpunkt in der Auseinandersetzung. In allen Bereichen untersucht man die geschlechtsspezifisch unterschiedliche Reaktion auf z.B. Schulunterricht wie Sprachen oder Naturwissenschaften,, auch in der Medizin wird bereits gegendert. Nur die Kernfrage, wie Mütter ihr Muttersein würdevoll leben sollen, wird hart abgewürgt.
Meine Lösung ist jedenfalls die, dass ich als selbstbewusste Frau die Wahl haben möchte, wenn ich ein Kind bekommen habe, dieses auch drei Jahre vom eigenen Geld zu Hause betreuen zu können und danach in den Kindergarten meiner Wahl zu geben, während ich meinen Beruf wieder aufnehme. Ich möchte die Verantwortung am „Arbeitsplatz Mutter“ voll umfänglich wahrnehmen und erwarte von der Gesellschaft sowohl ökonomischen wie sozialen Respekt für meine Leistung. Keineswegs will ich ökonomisch von einem Mann oder meiner Herkunftsfamilie abhängig sein in dieser Kinderzeit, auch wenn meine Partnerschaft noch so geglückt sein mag. Ich will auch nicht unter Druck geraten, sofort wieder berufstätig sein zu müssen. Ich bin bereit meinen Arbeitsplatz Mutter und meine Berufstätigkeit zum gegebenen Zeitpunkt auszufüllen und erwarte mir für diese Hochleistung jede Unterstützung der Gesellschaft.
Die Herzensergießungen einer Madame Guitton mögen hier von den Beschwerden über die Mutterschaft zeugen: Sie war eine große Christin aus dem Bürgertum und schrieb als Mutter eines Einzelkindes nicht ohne einige Gewissensbisse: „Ich sollte mich vollkommen glücklich fühlen mit einem Ehemann, der mich liebt, und einem Kind, das vielleicht hübsch, aber lieb und gesund ist. Und dennoch scheint es mir manchmal – schelten Sie mich ruhig – mit meinem unruhigen und unersättlichen Geist, dass mir etwas fehlt. Mein Leben ist inhaltlich so abstumpfend geworden, dass ich keine Zeit mehr habe zum Nachdenken, keine Zeit mehr, ein besseres Leben zu leben.“ Später fügt sie hinzu: „An der Wiege meines kleinen Lieblings habe ich alles, was ich liebte, geopfert, die Lektüre, die von Arbeit erfüllten Stunden, alles, was früher mein Leben ausfüllte.“ Diese Frau, die im Geist von Hingabe und Opfertum lebte, rebelliert gegen ihre eigene Auffassung vom Muttersein. Sie möchte sich selbst befreien. Am Weiblichen sieht sie nichts Schönes. Sie äußert später sogar: „Stellen Sie sich vor, ich möchte niemals Mädchen haben.“
Heute findet man selten solche Geständnisse, doch im selben Geist wird angeklagt:
„Die Kinder, das ist schwer, das frisst einem das Leben auf.“
„Es gibt Tage, wo man viel dafür gäbe, dass sie nicht da sind; man könnte sie alle umbringen.“
„Jahrelang habe ich nur aus Pflichtgefühl gelebt, sodass ich nicht einmal mehr wusste, was mir Spaß machte. Für sich zu leben, das muss toll sein.“
„Sie saugen mich aus: es gibt Tage, da hängt es mir zum Hals raus, da möchte ich mit mir allein sein.“
„An manchen Tagen bin ich derartig erschöpft, dermaßen mit meinen Nerven am Ende, dass ich sie nur deshalb nicht schlage, weil ich weiß, dass sich dadurch nichts ändern würde, dass es noch schlimmer wäre.“
„Eine Mutter ist eine Milchkuh, die man ununterbrochen melkt bis zur Erschöpfung.“
„Meine Kinder haben mich ausgepumpt, ich habe keine Lebenskraft mehr.“
„Wer es nicht erlebt hat, kann sich nicht vorstellen, was diese ständige Beanspruchung bedeuten kann; der einzige Trost ist, dass die Kinder auch einmal Eltern sein werden!“
„Ich wusste nicht einmal mehr, was mir Spaß macht!“
Alle diese aus dem Leben gegriffenen Zeugnisse sprechen von der subjektiven Erfahrung der Enttäuschung und dem Verzicht, den diese Frauen in ihrem Bewusstsein massiv erlebten. Diese Frauen machen einfach Schluss mit dem traditionellen Bild der Mutter und erklären, dass sie darauf nicht noch einmal darauf herein fallen werden. Am gleichen Strang ziehen Feministinnen, die den Begriff des Mutterinstinkts selbst in Frage stellen. „Gibt es den Mutterinstinkt oder ist das ein großer Witz? Ein großer Witz, der den Frauen beibringen soll, dass sie die ‚Drecksarbeit’ zu machen haben, nämlich immer dasselbe machen, ohne dass man ihnen etwas abnimmt, endlos, immer den Boden wischen, den die Gören dreckig gemacht haben, immer die Gören füttern?“ (Maternité esclave,1975;S.75;ed.10/18,Nr915)
Die Mutterschaft sei der Kern der Unterdrückung der Frau. Durch die Mutterschaft würden die Frauen immobilisiert und an ihrem beruflichen Fortkommen behindert. Es wird das uneingeschränkte Recht gefordert, kein Kind zu haben und gefordert, dass Fortpflanzung und alleinige Sorge für das Kind seitens der Frauen voneinander getrennt werden. (nach Elisabeth Badinter:Die Mutterliebe;Paris 1991;S.285-288)
In der Folge davon gibt es zahlreiche Studien, inwiefern sich Väter an der Pflege und Erziehung der Kinder beteiligen. Es wird offen oder indirekt der Vorwurf erhoben, Männer wären das bequeme Geschlecht, da sie die mühevolle Arbeit im Haushalt selten in vollem Bewusstsein eigener Verantwortung übernehmen, sondern sich lediglich als mithelfende Unterstützer betrachten. Fortschrittliche wie konservative Kräfte scheinen sich im Wesentlichen darüber geeinigt zu haben, dass Mutterschaft eine Qual ist, von der man sich befreien muss. Besonders fortschrittliche Frauen halten es für rühmlich, wenn sie sofort nach der Geburt eines Kindes weiterarbeiten und ihr Kind einer Betreuungsperson überlassen. Ich möchte nun daran gehen, diese Entwicklung genauer zu betrachten und meine eigenen Schlüsse ziehen.
6.4 Die Mutterschaft ist der Kern der Unterdrückung der Frau. (Simone de Beauvoir)
Tatsächlich kann der weibliche Körper Kinder hervorbringen. Die männliche Beteiligung an dieser Leistung ist geringfügig und beschränkt sich auf den Akt der Zeugung. Nie kann ein Mann ganz sicher sein, ob auch wirklich er der Vater ist, bis er einen Vaterschaftstest durchführen lässt, der dies nachweist. Es gibt Aufsehen erregende Fälle wie z.B. den Streit um die Vaterschaft von Falcos Tochter, die er angeblich liebte, bis zu dem Augenblick, als der Vaterschaftstest ergab, dass er nicht der genetische Vater war. Die Mutter kennt solche Zweifel nicht. Sie trägt neun Monate das Kind in ihrem Bauch. Mutterschaft per se ist also eine weibliche Potenz, Potenz im Sinne von Potenzialität, eine Möglichkeit, eine Fähigkeit, die nur diesem Geschlecht eigen ist. Manche Frauen lehnen schon allein diese Fähigkeit ihres Körpers entschieden ab, da sie sie in eine schreckliche Lebenssituation bringen könnte. Dass die Situation der Mütter unserer Gesellschaft nach wie vor entwürdigend und der Protest der Frauen verständlich ist, ist wahr. Vieles hängt allerdings von der grundlegenden Einstellung ab, mit der man und frau zur Mutterschaft steht.
Von großer Bedeutung ist schon während der Zeit der Schwangerschaft die geistige Einstellung der Frau zu ihrer neuen Lebenssituation, die sich aus einem Geflecht von Haltungen ihrer Umwelt, sowie durch ihre Lebensumstände, sowie auch überhaupt durch ihr Weltbild ergeben.
Die sinnliche Präsenz und primäre Erfahrung der neuen Situation samt ihren Bedürfnissen ist gegen viele Klischees und frauenfeindliche Gedankengebäude zu behaupten
Es gibt zum Beispiel den Typus des Kinderzüchters, der durch die Frau durch stets darauf bedacht ist, dass es dem in diesem weiblichen Körper befindlichen Kind wohl ergehe, damit es sich gut entwickle. Ich meine mit Typus nicht im Besonderen den potentiellen Gefährten der Schwangeren, sondern möglicherweise auch sie selbst, Familienangehörige, andere Menschen aus dem sozialen Umfeld, wie zB Ärzte u.a..
Ein anderer Typus ist der die Situation der Frau ignorierende Typus. Sie muss so tun, als hätte sie keine neuen körperlichen Empfindungen und Bedürfnisse, sie soll so weiterarbeiten wie zuvor. Dieser Typus ist in allen Bereichen anzutreffen. In fortschrittlichen Kreisen, wie in extrem konservativen „Durchstehkulturen“.
Der nächste Typus ist der die Frau beratende Typus. Dieser Typus ist am häufigsten anzutreffen. Es gibt nicht nur eine Fülle von Expertenliteratur, es gibt auch im realen Leben einander übertrumpfende Experten, männliche wie weibliche in Sachen Kinder.
Es gibt den die Mutterschaft unglaublich hochjubelnden Typus, der aber in erster Linie ihre Opferhaltung und Selbstaufgabe als „typisch weibliche Tugenden“ erwartet. Das sind die „Muttertagsmenschen. Dieser Typus äußert sich manchmal darin, dass er um die Schwangere wie um eine Kranke besorgt ist.
Ganz stark vertreten ist das Bild des sich selbst verleugnenden Typus, der jetzt dem süßen Kitschbild eines pausbäckigen Puttos zuzuarbeiten hat und auf seine/ihre Interessen verzichten muss, was als besondere Belastung erwartet wird. Zur Entlastung werden das Kitschbild auflösende Bilder angeboten, die dem Baby Gefühle wie Aggression und Neid zuschreiben, um die Frauen aus dem Seelengefängnis der Dienstfertigkeit für einen unschuldigen Engel zu befreien. Eine ganze Bilderflut umgeistert diesen Typus: von der altjüngferlichen Gouvernante bzw. der entsexualisierten und impotent gemachten, weil aus einem aktiven Leben entfernte Frau, die sich ergeben um Kinder kümmert; von Frauen, deren zentrales Interesse es ist, das weißeste Weiß in ihre Wäsche zu waschen, den gelungensten Brei zu kochen und den besten Sonntagskuchen zu backen.
Es gibt den diese Mutterschaft prinzipiell ablehnenden Typus, der daran vor allem die entwürdigende Seite betont und unter Frauenbefreiung versteht, dass die Frau möglichst bald sich von dem Kind losmacht. Dieser Typus ist in seiner Vorstellungswelt noch sehr stark dem zuletzt beschriebenen Typus verhaftet und lehnt diesen ab. Eine eigene Positionierung, was Muttersein noch bedeuten könnte, ist von diesem Typus nicht entwickelt worden.
Was es kaum gibt oder gar nicht, ist eine Förderung der inneren Wahrnehmung der Frau, eine Unterstützung ihrer von innen nach außen dringenden Bedürfnisse. So ergibt sich zB bei vielen Frauen in der Schwangerschaft ein gesteigerter sexueller Appetit, ein Hochgefühl und eine geistig-körperliche Aktivität, der nach kreativem, selbst gestaltendem Ausdruck verlangt, was mit ihrem hormonellen Status zusammenhängen dürfte. Dafür jedoch gibt es kaum oder keine Entsprechung. Selten ist der Arbeitsplatz einer, an dem Selbstverwirklichung möglich ist. Immerhin jedoch gibt es dort zumindest Sozialkontakte zu Kollegen. Bei Rückzug ins Privatleben ist zwar Beschäftigung mit sich selbst möglich, die kreative Kraft kann sich jedoch nur selten umsetzen. Das erwachende Leben im Körper der Mutter samt den damit einher gehenden hormonellen Umstellungen entwickelt offenbar eine gesteigerte Lebendigkeit, ein gesteigertes Bedürfnis nach Äußerung aller Lebenskräfte. Da kann keine Rede sein vom selbstverleugnenden Wesen einer dienstfertigen Frau, im Gegenteil eine Frau voller überschäumender Lebenslust verlangt nach Ausdruck, der ihr selten vergönnt ist.
Viele Schwangere beginnen mit dem „Nestbau“, bereiten Heim und Seele auf das neue Leben vor, beschaffen die nötigen Utensilien, versuchen sich die Welt der Kinder heute präsent zu machen und lesen viel Literatur über Stillen, Leben mit einem Neugeborenen und Kindererziehung. Andere bereiten sich darauf vor, sobald wie möglich die Mutterschaft an eine geeignete Betreuungsperson abzutreten um nicht in Gefahr zu kommen, sie hätte beschränkter Weise nur Kinder, Küche und Windeln im Kopf und beschäftigen sich explizit nicht mit ihrem neuen körperlichen Zustand, den sie für vorübergehend halten. Manche planen den Nachwuchs bewusst mit einem Team von Großeltern, einem auf treue Liebe und Vaterqualitäten durchgetesteten Mann und organisieren sich so bereits im Vorhinein die Arbeitsteilung.
So ist also Mutterschaft umdrängt von Bildwelten, Gedankengebäuden, die in unserer Gesellschaft aufeinanderprallen. Zumeist wird unterschwellig eine nahezu kämpferische Auseinandersetzung über den „richtigen“ Weg und die „richtige“ Auffassung, ja über die „richtige“ Empfindung geführt. Je nachdem, in welchem Zirkel frau sich bewegt, muss sie sich dem Diktat dieser oder jener geistigen Orientierung aussetzen. Allein der Liberalismus bürgt für eine gewisse Toleranz, verschiedene Lebensentwürfe dürfen nebeneinander existieren, obwohl schlecht verhohlene Konkurrenz nicht etablierten Entwürfen das Leben schwer macht und Anpassung erzwingt.
Die Mütter – eine Kaste
Ich verstehe die Klagen der Frauen über die Mutterschaft durchaus. Sie beruhen darauf, dass die Bedingungen, unter denen Mutterschaft heute gelebt werden muss, nicht mitbedacht werden, sondern die Situation selbst unmittelbar als schrecklich erfahren wird.
Die Bedingungen sind: Wenn man wie ich jahrelang etwa 1.500€ verdiente und man bekommt innerhalb einer Liebesgeschichte ein Kind, hat man von einem Tag auf den anderen vom Staat gewährte etwa 350€ Einkommen, man kann, falls man sich mit dem Mann nicht verträgt, von ihm, je nach seinem Einkommen noch eine Alimentationszahlung fordern und man bekommt Kinderbeihilfe. Alles in allem kann man sicher sein, dass man seinen Lebensstandard kaum beibehalten kann. Viele Mütter geraten in dieser Situation an die Armutsgrenze, denn keine kann von etwa 500-600€ mit einem Kind leben. Warum bezeichne ich Mütter von Babys als Kaste? Weil plötzlich alle gleich gestellt sind. Egal wie viel sie vorher verdienten, im Augenblick der Geburt eines Kindes erhalten alle gleich viel Geld, das Kindergeld, einen Bettel, von dem kein Mensch selbstbestimmt leben kann. Das heißt, Frauen geraten, wenn sie ein Kind gebären in ökonomische Abhängigkeit vom Kindesvater bzw. von der Herkunftsfamilie, egal wie weit auch immer sie sich von dieser fortentwickelt haben. Und sie sind alle gleich gemacht durch das gleiche Geld, das sie nun erhalten: 360 Euro. Ihr zusätzliches Geld hängt vom Kindesvater ab. Ist er wohl verdienend, können sie mehr erwarten, ist er wohl gesonnen noch mehr, das hängt bereits wieder von ihrer Kunst ab, ihn für sich einzunehmen. Wenn auch die Jugendämter bemüht sind, den Vätern, wie sie sagen, das „Weiße aus den Augen zu holen“, wird diese Form nicht jede wählen, die auch ein Interesse daran hat, dass ihr Kind eine gute Beziehung zum Vater hat. Frauen werden durch eine Geburt also arm und sie werden ökonomisch absolut gleich gemacht. Gleichzeitig werden sie umdrängt von zahllosen Ratgebern über die „richtige Erziehung“, die so bedeutend sei und auch ist, gleichzeitig arbeiten sie so viel wie nie zuvor. Sie stehen Tag und Nacht einem abhängigen Wesen zur Verfügung. Natürlich ergibt eine Analyse: Nichts wie weg mit dem Elend, mit dem Fratz, der mich aussaugt. Wenn ich nicht bald wieder arbeite, ist mein Arbeitsplatz weg. Also Krippen für möglichst kleine Kinder. Das Herz blutet zwar, aber mittlerweile gibt es auch Ratgeber, die sagen, das schade nichts, das sei eine überzogene Mutterliebe. Auch in früheren Jahrhunderten habe nicht jede Mutter ihr Kind für sich gehabt. Das sei eine moderne Erfindung des 19. Jahrhunderts, diese Art der Mutterliebe. Es wird also Politik gemacht mit den Müttern und ihren Gefühlen und diese Politik wird nicht selten auch von Frauen mitgetragen. Die Tatsache aber, dass ein Kind auszutragen und zu gebären und zu stillen und seine ersten Schritte ins Leben liebevoll zu begleiten eine einzigartige menschliche Erfahrung ist, unwiederholbar und unsagbar bedeutsam in jedem Augenblick, darüber wird geschwiegen, obwohl doch angeblich die Aufklärung uns zu so hohen menschlichen Fähigkeiten herangeführt hat.
Träumen wird man ja dürfen. Da Männer seit je Frauen um die Potenz Kinder zu bekommen beneiden, da sie von primärer Schöpferkraft zeugt, und urwüchsig diese Potenz vergöttert und verehrt wurde (man betrachte die Mutterstatuetten, die Göttinnen usw) und bis heute versucht wird, diese Fähigkeit künstlich nachzubauen (künstliche Befruchtung, künstliche Gebärmutter), was noch nicht gelungen ist, da man keine künstliche Gebärmutter herstellen konnte, wäre ja zumindest träumbar, dass die Mutterschaft, bzw. die Fähigkeit dazu, als etwas ganz Großartiges gelebt wird. Es wäre träumbar, dass der lebenslustigen Schwangeren samt Innenschau, kreativer Kraft und sexuellen Bedürfnissen in der Gesellschaft entsprochen wird. Es wäre vorstellbar, dass die Gesellschaft in Begeisterung für lebendige innere Produktivkraft den Bauch der Frau bewundert, der von künftigem Leben zeugt, dass ein Gefährte, der wenig an der Sexualkraft seiner schwangeren Frau interessiert ist, durch lebendigere Liebhaber ersetzt wird und dies von der Gesellschaft gut geheißen wird, da es um sinnliche Freude und Lebensmut geht. Frauen- und Männergruppierungen könnten von den Erzählungen über die Befindlichkeiten und das innere Fühlen und Wahrnehmen von Schwangeren profitieren, sofern diese lernen auf ihre innere Stimme und ihre innere Intuition zu vertrauen. Ihren Bedürfnissen könnte um der Liebe zum Leben und Freude stattgegeben werden. Ich wäre sehr interessiert, wovon andere Frauen diesbezüglich träumen. Denn dass wirklich alle davon träumen, nur ja möglichst bald wieder berufstätig zu sein, kann ich nicht ganz glauben, da Arbeit in unserer Gesellschaft nur wenigen Privilegierten innere Befriedigung bringt. Die Rolle der so genannten fortschrittlichen und linken Frauen, die den Weg dorthin weisen, klingt in meinen Ohren streng puritanisch und überhöht den Wert der Arbeit. Natürlich gibt es Arbeit, die befriedigt, doch meist ist diese selbst gewählt, dauert so lange, wie es das Werkstück erfordert, erfordert die geistige Beteiligung des Menschen, seine/ihre Mitbestimmung, wie die Arbeit durchgeführt werden soll. Das Problem der Arbeit mit einem Kleinkind bringt natürlich mit sich, dass man selten dazu kommt eine Arbeit durchzuziehen, wie dies auch Barbara Sichtermann in ihrem Buch „Leben mit einem Neugeborenen“ darstellt und diesbezüglich nicht unmittelbar befriedigt. Doch ich werde an späterer Stelle ausführen, worin der Gewinn und die Lust der Arbeit mit Babys real bestehen kann, sofern man sich darauf einlässt. Arbeit jedenfalls, die nur des Geldes wegen an entfremdeten und sinnentleerten Arbeitsplätzen unterbezahlt geleistet wird, wirft meist nur die Freude ab, dass man diese oder jene netten KollegInnen trifft, sich wertvoll, weil entlohnt und nützlich fühlen kann, da man ohne Berufstätigkeit nicht selten abgewertet und aus sozialen Zusammenhängen ausgeschlossen wird, und bietet überdies die Sicherheit, dass man in gewissem Grad über eigenes Geld verfügt, was natürlich innerhalb der Strukturen dieser Gesellschaft auch nicht zu unterschätzen ist. Der andere Traum möglichst unendlich lang isoliert zu Hause mit dem eigenen Kind zu leben, es zu pflegen und aufzuziehen und dabei im Wesentlichen vom Mann abhängig zu sein, ist mir auch nicht glaubhaft. Der dritte Weg, möglichst rasch wieder berufstätig sein zu können, zumindest in Teilzeit und gleichzeitig das Kind aufzuziehen ist unter den gegebenen Bedingungen nach wie vor kein Traum.
Ich möchte nun die reale Situation beschreiben, um die Begriffe etwas zu entwirren:
Kaum hat sie ihr Kind durch die archaische Erfahrung der Geburt bekommen, die sie an die Grenze zwischen Leben und Tod führt, hat die Frau nur noch das Kindergeld, ganz egal, wie viel sie davor verdient hat. Das sind 360 Euro. Davon kann sie weder sich noch das Kind erhalten, es würde nicht ausreichen um eine Kinderfrau vollzeitig zu beschäftigen und ihr das Kind zu überlassen um selbst Geld zu verdienen. Obwohl die Gesellschaft sich wegen dieses Kindergelds selbst unglaublich rühmt, erscheint mir dies als eine unbeschreiblich groteske Situation, die Frauen in der Zeit der ersten Jahre mit dem Kind restlos finanziell von ihrem Gefährten, bzw. von ihrer Herkunftsfamilie abhängig macht, es sei denn, sie verfügt über eigenes Vermögen. Allein darin äußert sich, dass die Blut und Abstammungslehre aus den herrschenden Gehirnen noch nicht verschwunden ist, dass Frauen mit ihrer lebendigen Fähigkeit zur Mutterschaft in keiner Weise gesellschaftlich respektiert, sondern restlos abgewertet werden. Blut- und Abstammungslehre in männlichen Herrschaftsbegriffen, denn die junge Mutter, die zumindest in der Stillphase in Karenz ist, ist nun von ihrem männlichen Gefährten, bzw. von der Herkunftsfamilie und damit in den meisten Fällen von den besser verdienenden eigenen Vätern finanziell völlig abhängig. Egal ob sich die junge Mutter nun mit ihrem Gefährten nicht versteht oder sich von ihrer Herkunftsfamilie seelisch und geistig in ihrem Erwachsenenleben weit entfernt hat, nun wird sie ganz und gar in die Familienbande einbezogen. Von Selbstbestimmung kann nicht die Rede sein.
In den Firmen und in der Gesellschaft sollte sich nach so langer Zeit der Frauenbewegung schon längst die Erkenntnis durchgesetzt haben: Nicht geschlechtslose Arbeitskräfte haben wir beschäftigt, sondern Frauen und Männer. Frauen mit ihrer besonderen Fähigkeit, die Gesellschaft zu erneuern, müssen bei eintretender Mutterschaft ihr Gehalt in voller Höhe oder zumindest zu 80% wie in Schweden und Island weiterbezahlt bekommen, außerdem sind sie in jeder Hinsicht zu unterstützen, dass sie den Kontakt mit der Firma und den beruflichen Veränderungen und Neuerungen nicht verlieren bei vollem Respekt vor ihrer neuen Lebenssituation.
Durch die ökonomische Situation bedingt, die den herrschenden Ungeist des Patriarchats ausdrückt, nämlich restlose Entwertung der weiblichen Potenz Kinder zu bekommen und die damit einher gehenden entwürdigenden Lebensumstände, ergeben sich auch praktisch unangenehme Lebenswirklichkeiten, die nur mit viel Spirit zu transzendieren sind.
Denn das möchte ich hier in aller Deutlichkeit wiederholen: Die Mutterschaft ist der Kern der Unterdrückung und der Abwertung der Frauen. Die Mutterschaft selbst wird Lebensbedingungen unterworfen, die so entwürdigend sind, dass viele, sogar fortschrittliche Frauen meinen, die Mutterschaft per se sei entwürdigend und ein biologisches Relikt, das man überwinden müsse. Tatsächlich aber zielt das Patriarchat auf die Entwertung der Frau, indem es ihre Fähigkeit zur Mutterschaft, die eine lebendige und kreative und anarchische Kraft ist, die sich prinzipiell geordneten Objektverhältnissen unseres Gesellschaftssystems entgegensetzt wie jede kreative Kraft, restlos entwertet. Leider hat die Frauenbewegung die gesamte Situation nur oberflächlich eingeschätzt.. Statt um bessere Existenzbedingungen und für ein starkes positives Selbstwertgefühl der Frauen zu kämpfen, wird fast beschämt auf diese weibliche Fähigkeit herabgeblickt, neidisch schaut man auf die Männer, die in der Gesellschaft Positionen erreichen und sich beruflich durchsetzen und sie tendiert ihrerseits dazu, die Gebärfähigkeit als biologisches Relikt abzuwerten, das einer modernen Frau schlecht ansteht. Die Propaganda des Patriarchats hat gegriffen, ihre Selbsterhöhung und ständige Selbstbeweihräucherung, ihr Vergeben von Führungspositionen in der Gesellschaft in erster Linie an Männer, ihr Achselzucken, „Leider, Sie könnten Kinder bekommen, wir können Sie nicht einstellen“, ihr Hinweis, den Frauen sei das Soziale und das Opfermäßige wohl eingeboren, sie seien wesentlich besser geeignet für die Kinderaufzucht, usw,usf.: all das zusammen hat eine empfindlich gedemütigte und protestierende Weiblichkeit hervorgerufen, die nun selbst die Mutterschaft verächtlich, weil behindernd, demütigend und einschränkend findet. Sie seien gescheit, wenn nicht gescheiter, sie seien fähig, sie wollen die Positionen der Männer stürmen, die diese ihnen als das Erstrebenswerte vor die Nase halten. Es ist, als würde die Frau dem Chef, der sie nach ihrem möglichen störenden Kinderwunsch befragt, heute antworten: “Ja schon, aber ich werde mein Kind sobald wie möglich nach der Geburt betreuen lassen. Ich stehe mit allen Kräften der Firma zur Verfügung. Genauso gut oder besser als ein Mann.“ Letztlich hat also das Patriarchat in seiner Abwertung und Demütigung der Frauen in diesem zentralen Punkt der weiblichen Gebärfähigkeit gewonnen und so genannte fortschrittliche Frauen entwerten selbst diese kreative und produktive Kraft. Ich gebe allerdings die Hoffnung nicht auf, dass sich die Frauen aus diesem Propagandagriff des Patriarchats befreien werden um all ihre Lustbarkeiten und Potenzen in die Welt einzubringen und sich Bedingungen schaffen, in denen Männlein wie Weiblein fröhlicher leben können.