6.5 Qualitäten der Mutterschaft
 

Was ist es, was die Mutterschaft tatsächlich mit sich bringt? Es ist eine Initiation in Sachen Hingabe. Der Wert der Hingabe an ein Werk, an einen Menschen, der Wert der persönlichen Dienstleistung mithilfe von Empathie ist unserer Gesellschaft, in der Egoismus, Konkurrenz, Erfolg, Leistung und Machbarkeit zählen, naturgemäß wenig hoch angesehen. Hinzu kommt der Missbrauch, den die Nazis mit diesem Begriff getrieben haben, indem sie ihn zu Selbstaufgabe und Opferbereitschaft umdeuteten. Begriffe, die gänzlich verschieden von Hingabe sind.. 

Real erfährt jede Frau mit einem Neugeborenen zunächst einen Schock. Denn ihr Körperrhythmus muss sich einem Wesen unterordnen, das alle Paar Stunden Nahrung fordert, dem überhaupt noch der Tag- und Nachtrhythmus fremd und ungeeignet ist, das sich außer durch Lautäußerungen und Mimik nicht ausdrücken kann und auch das nicht gezielt und in vertrauten kommunikativen Bahnen. Das Wesen, das so fremd ist, ist gleichzeitig in seinem Wohlergehen bis hin zu Leben und Tod abhängig von Betreuung. Das Verhalten im Umgang mit diesem Wesen prägt dessen Körper- und Welterfahrung. Die aktiven, manchmal schwer deutbaren Verhaltensweisen des kleinen Wesens und auch seine zunehmenden Reaktionsbildungen auf die Umwelt wirken wiederum auf die Befindlichkeit der Betreuungsperson zurück. Je größer die nonverbale, intuitive, emotionale Intelligenz der Betreuungsperson, der sogenannte EQ, umso eher wird es ihm leicht fallen, in interaktiven Austausch mit dem kleinen Wesen zu kommen. Mütter sind dabei begünstigt. In unseren westlich rationalen und materialistischen Welten werden so feine Verbindungen zwar immer wieder geleugnet. Tatsächlich aber dürfte die Zeit der Schwangerschaft und die dabei vorhandene innere körper-seelisch-geistige Verbundenheit mit dem Wesen auch nach der Geburt, zusätzlich vermittelt durch das Stillen die feinen Bahnen des nonverbalen Verstehens ohne ersichtlichen Grund, die symbiotische Verbindung über „Fühlfäden“ mit dem Kind stärken. Aber es ist auch denkbar, dass einfach die praktisch gegebene Notwendigkeit mit dem vorhandenen kleinen Wesen in irgendeiner Weise zurechtkommen zu müssen, dazu zwingt das „Anderssein“ dieses Wesens zu verstehen und zu respektieren und darauf zu reagieren. Ein Austausch zwischen einem Erwachsenen und einem abhängigen prälogischen Wesen hat begonnen.

 

Da das Baby jedem Spirit, jeder Geisteshaltung eine Projektionsfläche bietet, entsteht jedoch ein je nach Grundeinstellung qualitativ völlig unterschiedlicher Austausch.

Viele haben sich darin versucht, das Kind „objektiv“ zu beurteilen, seine Fähigkeiten, seine Anlagen, seine Potentiale. Exakte Säuglingsuntersuchungen wurden angestellt, Erhebungen wurden miteinander verglichen. Auch die Hirnforschung hat sich des Themas angenommen.

Doch allein bei der Einschätzung, was denn nun angeboren und was denn nun erlernt sei, kommt es zu Glaubenskriegen, denn: das Baby bleibt den objektiven Beweis schuldig. Es kann keine Einigung erzielt werden. Letztlich sei allein ein dynamisch konstruktivistisches Herangehen sinnvoll. Die Auffassung möge gewinnen, die die besten Ergebnisse bringt. Doch auch bei der „objektiven“ Einschätzung der unterschiedlichen Herangehensweisen bestehen wiederum Unschärferelationen, der Streit entbrennt nun darüber, welcher Faktor der entscheidende gewesen sei. Wir befinden uns geistig in der Nähe von Studien, die mathematisch berechnen wollen, welche vorhersehbaren Wirbel in einem Fluss auftreten werden, wenn man einen größeren Stein hineinwirft. Ich schlage hier zur Erleichterung der Situation vor, den EQ einzusetzen, die rechte Hirnhälfte, die bekanntlich die linke Körperhälfte steuert, emotionale Intelligenz, intuitives Verständnis und ganzheitliches Denken. Ein Bereich, zu dem Frauen offenbar von vornherein den direkteren Zugang haben und der in diesem zwischenmenschlichen Bereich auch Erfolg versprechender ist. Ich schlage vor zu betrachten, welche Grundauffassungen die Interaktion mit Kindern bestimmen können. Diese Grundauffassungen kommen natürlich nie oder selten so „rein“ und fein säuberlich getrennt vor. Es gibt viele Mischformen. Ich möchte dennoch einige Grundtypen charakterisieren.

 

Ein Grundverhältnis zum Baby ist es, das Kind als ein zu pflegendes „Objekt“ zu betrachten, ein Wesen, dessen Geist etwa dem einer Katze entspricht, bei allem Respekt vor Katzen. Diese Auffassung führt dazu, die Beschäftigung mit der Pflege und Ernährung des Kindes, das Stillen, Waschen, Nähren, zur Verfügung sein, nachts beruhigen, das Herausfinden, welches Problem das Kind zu Schmerzens und Unbehagensäußerungen veranlasst, das Abhilfe schaffen, bzw. das Ertragen, wenn Abhilfe nicht zu schaffen ist, weil das Kind weiter schreit, als belastende Plage zu erleben, die sich gegen die eigenen Bedürfnisse richtet. Die Arbeit ist unerfreulich, unangenehm und zeitraubend. Nur „Opferfrauen“ können eine solche Leistung erbringen ohne zu klagen. Fortschrittliche Frauen versuchen diese belästigende Beschäftigung zwischen möglichst vielen Beteiligten, also dem Vater des Kindes, den eigenen Eltern, den Eltern des Vaters und sonstigen Verwandten aufzuteilen. Damit scheint ein Gutteil des Problems, das Babys darzustellen scheinen, aus der Welt. Man beachte dabei, dass dieses Bild vom lästigen und belästigenden Baby sich sehr wohl ebenfalls in sein Selbstbild einbaut und seine Welterfahrung bestimmt.

Der Gegenpol zu dieser Auffassung vom Baby, das innerhalb dieses Gedankengebäudes später angeblich auch erzogen und unterrichtet werden muss, damit es entsprechend den klügeren Erwachsenen in der Welt bestehen kann, besteht darin, das Baby als Wesen mit unglaublichen spirituellen, kreativen und intelligenten Fähigkeiten zu betrachten, das einfach nur Hilfe braucht, um alles selbst besser tun zu können, als jeder Erwachsene es kann, dessen feine Signale man/frau erfassen und verarbeiten lernen muss, um eine Kommunikation zu eröffnen.. Das Baby als Wesen, das zB. alle Laute aller Sprachen der Welt noch beherrscht, in dem so viele Neuronen als potenzielle Intelligenzen angelegt sind, von denen nur jene , die tatsächlich genutzt werden auch in Gebrauch genommen und vernetzt werden. In diesem Fall ist der Respekt vor dem Wesen, mit dem man sich austauscht, enorm und auch das Interesse an seinen Lebensäußerungen groß. Feine Beobachtungen können gemacht werden und zu interaktiven Begegnungen führen, die für beide Seiten interessant sind.

Hingabe an die existenziellen Bedürfnisse des kleinen Wesens ist bei beiden grundlegend verschiedenen Einstellungen zum Kind erforderlich, allerdings auf prinzipiell unterschiedliche Weise: im ersten Fall als eine Art „Opfer“, im zweiten Fall als eine spannende Beschäftigung mit einem unerforschlichen Wesen, dessen Strukturen ein Geheimnis sind, wobei Kommunikation mit diesem Wesen auf verschiedene respektvolle Weise zu suchen und zu erproben ist. In den Momenten von Ernährung und Pflege kann man bei diesem geistigen Herangehen den Weg der Selbsterkenntnis beschreiten. Denn auch das eigene Verhältnis zum Körper, das eigene Verhältnis zu den Körpersäften, das eigene Verhältnis zur Nahrung usw. werden bei einem so illustren Gast von einem fremden Stern in neuer Weise betrachtet und kritisch hinterfragt. Ein Beispiel: Empfinde ich „Pfui Gack“ vor Körperausscheidungen oder bewundere ich diese ersten Produktionen? usw usf. Keine Psychotherapie könnte besser als eine so geartete Begegnung mit dem Baby einen so tiefgründigen Selbsterforschungsprozess in Gang setzen. Jede Selbstverständlichkeit löst sich auf und wird neu organisiert. Die Welt baut sich neu auf. Kleinkinder sind primär das, was man bei Erwachsenen als Anarchisten bezeichnen würden. Nur sind sie dies zumeist mit primärem Erkenntnis- und Forscherdrang, sie wollen aktiv erkennen und erkunden, wie die Welt rund um sie ist, wie sie selbst darin sind mit allen Sinnen. Es würde zu weit gehen hier im Detail die verschiedenen Entwicklungsphasen eines Kindes nachzuzeichnen, ich möchte hier nur eines sagen. Bei einer solchen Auffassung vom Kind kann sich keine oder keiner beklagen, dass ihr oder ihm bei der Beschäftigung mit diesen unglaublich interessanten Wesen von einem anderen Stern die Zeit gestohlen wird. Ganz im Gegenteil. Die Hingabe und Arbeit besteht darin, das Wesen immer wieder aktiv seine Entwicklung nehmen zu lassen, ihm möglichst wenig Voreingenommenheiten aufzuzwingen, geeignete Nahrung, Heilmittel und Materialien zur Verfügung zu stellen, die dem Kind bei seiner Erforschung der realen Welt am nützlichsten sind. Dazu ist Beobachtung und exakte vorurteilsfreie Wahrnehmung nötig, wofür sich das Baby, das Kind gerade interessiert: So können Aktivitäten, die bei der Betrachtung des Kindes als zu erziehendem Objekt ausschließlich als störend und irritierend empfunden werden, z.B. lustvolles Matschen und Gatschen im Dreck oder Herumschütten mit Wasser, bei einer erfindungsreichen Betreuungsperson, die den Forschungsgeist und Intellekt des unangepassten Sprösslings bewundert, in Aktivitäten verwandelt werden, die wunderbar produktiv sind, dem jeweiligen Bedürfnis des Kindes, aber auch dem Bedürfnis nach einem gewissen Maß an Ordnung der Betreuungsperson gerecht werden: Gatschangebote z.B. in der Badewanne oder im Freien; Wasserschüttangebote auf verschiedenste denkbare Weise je nach Umständen (zB viele kleine und große Fläschchen, Flaschen und Schüsseln im Waschbecken) usw. usf.

Die Beschäftigung mit dem Kind als zu betreuendes und heranzuziehendem Objekt, von dem man im Wesentlichen getrennt ist, ist nicht zuletzt auch deshalb so unerfreulich, weil man stets in die verbietende und kontrollierende Position kommt. Natürlich wirft diese Position auch einen gewissen Machtreiz ab, man kann sich größer, gescheiter und stärker fühlen und dieses Gefühl endlich einmal an jemandem ausleben. Darin ist vermutlich viel unbewusste Rache verborgen, denn Erfahrungen dieser Art wurden gesammelt, in einer Reihe von Erlebnissen war man/frau selbst das Objekt der Machtgelüste anderer. Doch letztlich ist die Beschäftigung anstrengend, sie zieht einen von wesentlich interessanteren Beschäftigungen ab, denn das Baby wird in diesem Zusammenhang ja nicht für besonders intelligent gehalten. Ein Buch zu lesen erscheint als wertvoller, ins Kino zu gehen interessanter. Doch weil man ein „guter Vater“ oder eine „gute Mutter“ sein will, gibt man sich mit dem Sprössling eben ab. Auch diese Haltung dient der Selbstbeweihräucherung, dem Gefühl der eigenen Überlegenheit.

Meines Erachtens ist diese Auffassung die herrschende, deshalb werden Mütter und ihre Beschäftigung mit Windeln und Babys Bäuerchen so belächelt. Sie sollen möglichst bald wieder arbeiten oder diese blöde Arbeit teilen, weil jeglicher Respekt vor dem Kind fehlt.

 

Beiden Seiten jedoch ist eines gemeinsam, worüber sie sich durchaus und meist sehr gut verständigen können. Die Isolation zu Hause mit dem Kind ist eine Qual. Die gesellschaftliche Abwertung des 24-Stunden-Jobs ist eine Demütigung.

 

Die jeweiligen Folgerungen, welche Forderungen nun eigentlich zu stellen seien, sind fundamental unterschiedlich.

„Opferfrauen“ finden, die Zeit zu Hause mit dem Kind sei nun einmal langweilig und auszuhalten. Von ihnen ist keine Solidarisierung zu erwarten.

Frauen, die an der entwürdigenden Arbeit beim Kind nichts Interessantes finden können, fordern flächendeckende Kinderkrippen und suchen nach Möglichkeiten möglichst rasch wieder in den Beruf zurückkehren zu können.

Beiden Gruppierungen ist gemeinsam, dass sie Babys in erster Linie für uninteressant halten.

Eine neue Gruppierung findet, dass durch möglichst intensive Zeit- und Geldinvestition dessen Anlagen bestmöglich gefördert werden. Kinder werden von dieser Gruppierung als Privatbesitz und Investitionsfaktor betrachtet, der zu Höchstleistungen herangezüchtet werden soll. Je nach Fähigkeit der Betreuungsperson wird daher gesungen, vorgelesen, gebastelt, gespielt, getöpfert und gemacht, um das Kind vielfältig anzuregen. Ziel dieser an sich lobenswerten Unternehmungen ist Einstein. Man will seinem Kind einen Wettbewerbsvorteil am Markt verschaffen, daher werden dem Kind auch Ellbogentechniken vermittelt. Gespielt wird die Konkurrenz von der Wiege an. Diese Konkurrenz wird umfassend gespielt, nicht nur darüber, was man alles tut, macht und kauft, sondern auch, was Kindchen schon kann. Auch hier werden Diskussionen über Richtig und Falsch in der Erziehung geführt, jedoch zweckorientiert in Hinsicht auf die Leistung des Kindes. Da fehlt dann nur noch ein Schulranking, damit alle Kinder auf die „beste“ Schule gehen können. Es versteht sich von selbst, dass diese geistige Orientierung, die heute äußerst weit verbreitet ist, das Kind ebenfalls als Objekt betrachtet und zwar als ein zu züchtendes. Solidarisierung ist naturgemäß von dieser Gruppierung ebenfalls nicht zu erwarten.

Die Tragik der Auffassungen über das Kind als heranzuziehendes Objekt liegt im Wesentlichen darin, dass das Kind in jedem Fall das an ihn herangetragene Bild in sein Selbstbild einbaut: „Ich bin ein noch zu entwickelndes, von den Erwachsenen zu belehrendes, dummes Wesen.“ Das funktioniert natürlich nicht ganz so bewusst, doch es funktioniert. Selbst wenn das Kind in jeder nur möglichen Weise gegen diese demütigende Auffassung zu rebellieren versucht, kann dies als weiterer Beweis für diese Auffassung gelten. Das Urteil wirkt damit fundamental. Die autoritäre Gesellschaft mit sich selbst und andere kaum respektierenden Wesen reproduziert sich selbst.

Auch das Kind, das als hochintelligentes Wesen in partnerschaftlicher Weise wahrgenommen wird, mit dem man über Befindlichkeiten und Notwendigkeiten auf diesem Planeten in der besonderen Umwelt sich stets auseinandersetzt, baut dieses Bild in sein Selbstbild ein: „Ich bin ein hochintelligentes, kreatives und sensibles Wesen, das daran geht die Welt zu erforschen.“ Man kann sich vorstellen, dass beide Wege völlig unterschiedlich Richtungen vorgeben – trotz all der gleichen begrenzenden Verhältnisse und äußeren Beschränkungen.

 

Hingabe an ein sensibles, kreatives und hochintelligentes Wesen und der Austausch mit ihm ist ein Geschenk und ermöglicht eine tief greifende Auseinandersetzung mit allen Gegebenheiten und scheinbar selbstverständlichen Voraussetzungen der eigenen Person wie der umgebenden Kultur.

Die Initiation in Sachen Hingabe ist eine Qualität, die auch jeder sinnerfüllten Arbeit zugute kommt. Das kreative Potential gleichzeitig auch zu überlegen, was anders und besser gemacht werden könnte, ist eine Qualität, die in der Auseinandersetzung mit einem Baby und Kleinkind massiv gefördert wird. Der EQ, die emotionale Intelligenz wird gefördert.

Die kritische Begutachtung der Nahrung, der herrschenden Medizin, die Erforschung der Heilkunde, die Überlegung, welche Wohnverhältnisse am ehesten der Situation von Kindern und Frauen gerecht würde, die eine Beschäftigung mit moderner Architektur, Städtebau und Stadtplanung nach sich ziehen kann, die Betrachtung der herrschenden Pädagogik, die Entwicklung neuer Erkenntnisse in Psychologie im Austausch mit dem kleinen Wesen lassen kritische und sachkundige BürgerInnen wachsen.

 

„Mein Bauch gehört mir!“, war in den 60er und 70er Jahren der Slogan, der schließlich zum Abtreibungsparagraphen geführt hat. Ja, das soll es sein. Die Frau entscheidet, ob sie ein Kind austrägt oder nicht. Was die Gesellschaft beitragen kann, um ihre Reproduktion zu gewährleisten, ist, den Frauen, die diese schwere Verantwortung auf sich nehmen, die besten Bedingungen zu verschaffen. Die Entscheidung für ein Kind jedoch sollte heutzutage nicht mehr Privatvergnügen sein, das Kind nicht Privatbesitz. Die Frau sollte auch die Wahl haben, eine andere Bezugsperson, nämlich z.B. den leiblichen Vater als erste Bezugsperson für ihr Kind zu wählen, sofern sie diese fordernde Beziehungsarbeit nicht selbst übernehmen will. Eine bewusste Auseinandersetzung mit eigenen Motiven und Einstellungen zum Kind sollte der Begegnung mit dem Kind selbst als bewusster Schritt vorangehen. Angesichts der öffentlichen Debatten über Erziehung und Kinderausbildung ist es verrückt, den bedeutendsten Teil der Persönlichkeitsentwicklung von Kindern (die ersten drei Lebensjahre) totzuschweigen und weiterhin unter so katastrophalen Bedingungen der Ausbeutung von Frauenenergie geschehen zu lassen. Die Menschen, die diese bedeutende Arbeit für drei Jahre übernehmen, müssen ihr Gehalt voll oder zumindest zu 80% weiterbezahlt bekommen. Jedes Unternehmen muss wissen, dass der Arbeitnehmer oder die Arbeitnehmerin, die diese Arbeit verrichten, höher qualifiziert zurückkommen. Dann und erst dann, wenn sich herumspricht, dass es sich um angesehene Arbeit handelt, wird der Streit der Männer und Frauen darüber, wer wie viel tut, oder das Bestreben, diese „lästige“ Arbeit möglichst an öffentliche Einrichtungen abzugeben enden. Denn die in der Abwertung der Mutterschaft verborgene Frauenfeindlichkeit lebt sich letztendlich aus in einer weiter getragenen Kinderfeindlichkeit. Das Kind, das lästige und zu züchtende Objekt für Experten ist das eigentliche Opfer all dieser Theorien.

Die öffentliche Debatte, wer sich um die Betreuung der Kinder in welchem Ausmaß kümmert, wird also erst enden, wenn die Betreuung der Kinder als hoch qualifizierte Arbeit angesehen wird. Wir sind immerhin schon so weit gekommen, dass überlegt wird, nur Frauen mit Hochschulabschluss in einen Kindergarten als Betreuerin zu lassen. Ich finde das nicht ganz falsch. Die erste Sache jedoch, die Hingabe an und das empathische Verständnis für ein Wesen, das in erster Linie in poetischen Bildern oder nonverbal kooperiert, sollte eine Aufnahmevoraussetzung für eine derartige Ausbildung an der Universität sein. Ähnlich sollten Frauen auch überprüfen, ob sie ihre Männer als qualifiziert ansehen, die schwierige Aufgabe der Kinderbetreuung zu übernehmen. Denn auch Männer müssen sich in die traditionell weiblichen Bereiche hinein emanzipieren und ihren EQ entwickeln. Dann sehe ich keinerlei Problem, dass nicht nur Frauen, sondern auch Männer nach der Stillphase die Kinderbetreuung übernehmen. Wenn auch sie ihr Gehalt weiter bezahlt bekommen, wenn sie in Karenz gehen, wenn die Kinderbetreuung in den ersten drei Lebensjahren eines Kindes nicht als eine lästige Pflicht, sondern als hoch qualifizierte, auf allen Ebenen bereichernde Tätigkeit angesehen wird, dann werden die Statistiken darüber, wie viele Männer tatsächlich in Karenz gehen, völlig anders aussehen und so manche Beziehungskrisen, wie auch fest betonierte Auffassungen über die Geschlechterrollen werden ihr Ende finden.

 

Es ist einfach nicht wahr, dass der weibliche Bereich nur arm ist, dass im weiblichen Bereich nur Schwachsinn gearbeitet wird und blödsinnige Drecksarbeit gemacht wird. Es ist vielmehr ein Bereich, der sich letztlich der Verwertbarkeit entzieht.

 
6.6 Väter
 

Von den Müttern wurde und wird zumindest die Mitarbeit und innere Anteilnahme der Väter eingeklagt.

Mit den Vätern ergibt sich zumeist zunächst das Problem, dass aufgrund des hohen Prolaktinspiegels der stillenden Mutter die sexuelle Libido stark absinkt. Ihre anfängliche Tag- Nacht- Beschäftigung und die Neuorientierung in der Beschäftigung mit dem neuen Lebewesen, das ihr Leben so völlig umkrempelt, lassen zusätzlich sexuelles Interesse vorübergehend verschwinden. Der Gefährte erlebt also auch eine Art Schock, wenn das erste Baby in die Wohnung einzieht. Er verliert zunächst die Frau an das Kind und in den meisten Fällen, besonders wenn die Frau stillt, ergibt sich ein geheimnisvolles Band zwischen Mutter und Kind, von dem er sich tendenziell als ausgeschlossen empfindet. Er hat also auch nicht unmittelbar den gleichen Zugang zu dem Kind. Er kann nun auf vielfältige Weise auf diese Situation reagieren.

Die Form, Mutter und Baby als Einheit in Ruhe zu lassen, mit dem Baby respektvollen Kontakt aufzunehmen, um ähnliche Begegnungen mit einem Wesen von einem anderen Stern zu erleben wie die Frau, sie im Lebensalltag zu unterstützen durch nächtliches Wickeln, Kochen und Aufräumen, Einkaufen, Wäsche waschen, wie das Bemühen eine freundliche Atmosphäre herzustellen und für Gesellschaft zu sorgen, wird selten anzutreffen sein, da diese Form einen erwachsenen Mann voraussetzt, der in der Lage ist, seine eigenen Bedürfnisse hintanzustellen und Hingabe an eine Situation zu üben, die kaum die üblichen Bedürfnisbefriedigungen bereit hält. Ganz im Gegenteil, ein Mann, der sich in der Seelenentwicklung diesem Weg aussetzt, geht ähnlich der Frau den Weg nach innen: alle Bestandteile seines Lebens, die ihm bisher selbstverständlich waren, werden überprüft und neu zusammengesetzt.

Eine weiter verbreitete Form ist es, die Situation als äußerst unbefriedigend zu erleben. Je nach Entwicklungsstand reagiert mann unterschiedlichst auf den Sexentzug: Manche verlangen einfach Sex, da sie sich andernfalls einer anderen Frau zuwenden würden und wollen die Situation schlichtweg ignorieren und infantil vergewaltigen. Andere wenden sich an andere Frauen, von der käuflichen bis zur leicht verfügbaren ohne sich zu beklagen. Eine weitere Gruppe leidet und bewegt sich notgeil und frustriert durch die Welt. Hintergrund für alle diese Formen ist die überall verbreitete Lehre Männer, vom Männchen im Tierreich bis zum Urmann der Urhorde bis hin zum modernen Mann wären von einem starken sexuellen Verlangen getrieben und bräuchten Sex für ihre seelisch-geistig-körperliche Gesundheit und Vitalität. Das ist zwar eine allgemein richtige Bemerkung über einen menschlichen Trieb, der auch Frauen eigen ist, der jedoch nicht unentwegt und unabhängig von den Gegebenheiten abreagiert werden muss, sondern der Gestaltung bedarf, damit er zu einem ganzheitlichen Erlebnis wird. In bestimmten Situationen, die an eine Initiation heranreichen, wie dies die Geburt eines Kindes ist, sollte man von einem erwachsenen Mann erwarten können, dass andere Wertigkeiten ins Spiel kommen, die ihm statt eines infantilen: “Ich will aber..Ich brauche..Ich muss..“ ein natürliches Zurückstellen eigener Bedürfnisse ermöglichen. Meditationspraktiken können hier helfen, diese werden auch seiner sexuellen Ausdrucksfähigkeit insgesamt zugute kommen, da ein Liebhaber, der seine Bedürfnisse nicht zurückstellen kann für eine Frau ohnehin keine Freude ist.

Die Situation wird auch in anderer Weise als unerfreulich erlebt, da die Frau, die den Innenweg im Austausch mit dem Baby geht, nicht nur sexuelle, sondern auch überhaupt Energie von dem Mann abzieht. Das kann sich unter anderem auch darin äußern, dass sie die Hausarbeit nur teilweise bewältigt, was den berufstätigen Mann zu der ärgerlichen Frage veranlassen kann, was sie denn den ganzen Tag mache.

Heute wird den Männern grundsätzlich erklärt, sie seien als Väter für das Kind genauso wichtig wie die Mütter und zwar vom ersten Tage an. Doch die Vaterrolle ist selten klar. Der vielfältige Verzicht und die Beobachtung des geheimnisvollen Bandes der Symbiose zwischen stillender Mutter und Kind treibt viele Männer, die noch bei der Geburtsvorbereitung mit den Schwangeren mitgeatmet haben, bereits nach einem Monat des Lebens mit dem Baby in die Arbeit, da sie hoffen dadurch am besten von Nutzen zu sein. Sie verdienen das dringend gebrauchte Geld.

Die Begriffe, was unter diesem Kind zu verstehen ist, ob es als zu bildendes und zu formendes Objekt, als zu verwöhnendes Liebesobjekt oder als Investitionsobjekt oder aber als intelligenter Gefährte mit höchst unterschiedlichen Phasen an Verhaltensformen begriffen wird, bilden sich meist im ersten Jahr. Manchmal scheiden sich die Geister und die Ehen, manchmal sind sie sich einig.

 

Nicht zeitgemäß ist jedenfalls, dass weiterhin das Idyll Vater-Mutter-Kind gespielt werden soll und nun auch von fortschrittlicher Seite das Familienmodell beibehalten wird. Kinderwunsch, Kinderhaben und Kinderaufzucht bleibt Privatsache zweier Liebender. Die Liebe soll im Namen des Kindes konserviert werden, da Vater und Mutter die wichtigsten Bezugspersonen seien. Die Liebe zum Kind soll ausreichen, dass eine Mutter auf Basis der Selbstausbeutung ohne eigenes Geld, bzw. mit dem Kindergeld, das weit unter dem Existenzminimum liegt, zurechtkommen soll. Über die Arbeit selbst wird geschwiegen. Sie soll sobald wie möglich der Situation in die Berufstätigkeit entfliehen, der Mann soll die lästigen Pflichten mit ihr teilen.

Doch so sehr gemeinsam bewältigte Aufgaben ein Paar auch verbinden können, die Liebe soll auch in einer Beziehung mit Kindern eine frei gewählte Liebe sein und darf weder finanziell noch ideologisch Menschen um des Kindes willen zwingen zusammenzuleben. Längst haben auch die Analysen über die armen Scheidungswaisen festgehalten, dass es bei Weitem besser ist, wenn ein Paar, das sich nicht mehr versteht, trennt, als wenn es tagtäglich vor dem Kind Krisen inszeniert. Der Spielraum auch für vorübergehende Trennung und andere denkbare Varianten sollte gegeben sein.

 

Auch die Präsenz der Großeltern ist nicht immer der reine Sonnenschein der Werbefamilie.

Je nach dem Grad der inneren Ablösung, dem Grad an Selbständigkeit der jungen Eltern und des Respekts der Großelterngeneration für diese Entwicklung ergeben sich Konflikte unterschiedlichster Gestaltung, die von Übergriffen bis zu wirklich wertvoller Hilfe reichen.

 

Aus all dem ergibt sich, dass offenbar das alte Modell der Familie überlebt ist.

Die Kleinfamilie, die sich aus Stämmen, später Großfamilien, herausentwickelt hat, bietet Frauen wie Kindern ein viel zu zerbrechliches soziales Gefüge, das mit vielen Phasen von Einsamkeit einhergeht.

Frauen mit ihren Babys und Kleinkindern bräuchten im Wesentlichen ein Netz. Denn für das Studium der Entwicklung des menschlichen Lebens, der eigenen Begriffe und für die tägliche praktische Arbeit braucht man Mitstudenten, Debatten, fröhliche Runden und Arbeitsteilung. Das wäre einfach herstellbar. In allen Wohnungen und Häusern sitzen vereinsamte Mütter mit ihren Babys und plagen sich mit ihren Kleinen. Sie könnten sich zu fröhlichen Rudeln zusammentun, abwechselnd kochen und Wäsche waschen und sich über ihre Studien auch zB. zu Wohnverhältnissen in der Stadt uva. unterhalten und sich politisch einbringen.

Diese Frauengruppen mit den darum gruppierten Männern könnten sich gemeinschaftlich für die Kinder des Wohnumfelds zuständig fühlen, wie dies heute nur Verwandte tun. Kinder wären dann nicht mehr Privatbesitz oder Privatvergnügen von Ehepartnern, sondern gemeinsames Anliegen der Gesellschaft. In solchen Zusammenhängen würde endlich das Normalitätsmodell Vater-Mutter-Kind als Idylle zusammenbrechen, endlich könnten alle aufatmen und der Fröhlichkeit und Lebensfreude halber ein selbst bestimmtes Leben in freien Gemeinschaft auch wechselnder Partner führen. Man müsste keine Bücher über etwaige „arme“ Scheidungskinder oder Kinder von Alleinerziehenden mehr schreiben und solche Bilder zementieren, sondern könnte offen beobachten, wie sich dieses oder jenes Kind entfaltet und selbst einen positiven Beitrag leisten, auch wenn man nicht verwandt ist. Das Leben mit Kindern ist grundsätzlich interessant und bereichernd, umso interessanter, je lustiger und abwechslungsreicher es für Kinder, für Frauen und Männer zugeht.

De facto zeigt die reale Entwicklung ohnehin in diese Richtung. Engagierte Organisationen bieten zunehmend spannende Aktivitäten für Kinder und deren Betreuungspersonen an, immer mehr Ehen mit Kindern zerbrechen, zahlreiche „Patchworkfamilien“ entstehen, daneben gibt es zahllose Alleinerziehende, Wohnprojekte werden gegründet um soziale Netzwerke zu knüpfen. Zahlreiche Familien halten nur noch krampfhaft am Idyll fest und zeigen nach außen Fassaden, um dem Ideal der „gesunden“ Familie, die dem Kind das Beste bietet, zu entsprechen. Aufatmend könnte man der Entwicklung im Nachhinein den Sanctus geben und zugestehen, dass die Familie und das Privateigentum am Kind zu Ende sind.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

6.7 Frauen ohne Kinder „Nur eine Frau ohne Kind kann leben wie ein Mann“ (Katherine Hepburn)

 

Sofort, wenn man die Fähigkeit zum Kinderkriegen als Potenz aufwertet, das Leben als Mutter als hochqualifizierte und qualifizierende Arbeit betrachtet, kommt der Gegenschlag: Du verachtest wohl Frauen ohne Kinder?

Ich finde es schrecklich, wie sehr präsent das Patriarchat in allen Begriffen nach wie vor ist. Ich teile nicht die patriarchale Begrifflichkeit von Potenz. Potenz hat für mich nichts mit Protzgehabe und auch nicht das Geringste mit Leistenmüssen zu tun.

Ganz im Gegenteil. Ich verstehe unter der Potenz aller Frauen mit oder ohne Kinder ihre körperliche Anlage, Kinder hervorbringen zu können. Ihre Anlage, ihre Fähigkeit, nicht ihre tatsächlich erbrachte Leistung, an der sie dann bis hin zum Mutterkreuz zu messen wären. Ich finde es völlig verständlich, wenn eine Frau wegen der Umstände, unter denen Mutterschaft heute gelebt werden muss, sich dagegen entscheidet, Kinder in die Welt zu setzen. Manche führen auch die erschreckenden Verhältnisse auf dem Planeten als Grund an, sich gegen Kinder zu entscheiden. Vielleicht sind solche Frauen weit blickender? Ihr Streik jedenfalls ist völlig gerechtfertigt und hat meine Unterstützung aus ganzem Herzen. Ich habe überhaupt nicht die Absicht hier einem neuen Mutterschaftskult das Wort zu reden. Das 16-jährige Mädchen, das in Oberösterreich allein in einer Wohnung mit einem Säugling saß und dabei verzweifelte, bis sie nach einem Brief an den leiblichen Vater, sie müsse nun nach Wien um dort zu arbeiten, ihr Baby allein ließ, das dann verhungerte, kann ich aus tiefstem Herzen verstehen. Die Empörung über das Mädchen finde ich einem Kitschbild an Mutterliebe verbunden, das dieses Mädchen in eine schreckliche nicht zu bewältigende Lage gebracht hat. Ein Kind ist dabei gestorben. Doch ich wage zu behaupten, nicht das Mädchen war die Täterin, sondern die Gesellschaft, die es zulässt, dass solch eine Konstellation möglich ist.

Ich vertrete die banale Ansicht, dass die Solidarität der Frauen ohne Kinder auch für die erschreckende Situation der Frauen mit Kindern einzuholen ist. Ich finde es unter der weiblichen Würde, wenn hier verachtet und gedemütigt, insgeheim beneidet und verständnislos betrachtet wird. Der Dialog zwischen den Frauen muss fortgesetzt werden. Auch Frauen, die keine Kinder bekommen können, sich aber welche wünschen, sollten sich vom patriarchalen Potenzbegriff distanzieren. Denn hinter ungewollter Kinderlosigkeit können so viele Gründe verborgen sein wie Sand am Meer: von psychischen bis hin zu körperlichen. Die Freiheit nach einer Trauerphase über das Kind, das nicht kommt, ein aktives und selbst bestimmtes Leben zu führen, in dem sich völlig andere Potenzen verwirklichen, sollte sich keine entgehen lassen.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
6.8 Mütterlichkeit
 

Warum mögen so wenige Menschen ihre Mutter?

Viel ist dazu geschrieben worden. Ich behaupte, in erster Linie, weil Mutter es in den meisten Fällen nicht schafft, den Nachwuchs schrittweise fliegen zu lassen. Weil Mutter ihre private Existenz in stiller Demut und Hingabe zur Verfügung gestellt hat, bis sie nicht mehr wusste, wer sie selbst war und was sie interessierte. Weil Mutter ihre Aufgabe als Mutter nicht als begrenzten Job auffasste, dem sie sich mit voller Kraft widmete um danach als höher qualifizierte Kraft in der Gesellschaft wertgeschätzt einem anderen Job nachzugehen. Weil Kinder Privatsache von Mutter und Vater, daher in der Realität hauptsächlich von Mutter sind und Mütter lange über die Zeit hinaus, wo Kinder noch individuelle Mutter brauchen, dienstbar bis dienstfertig und schließlich anhänglich sind, sodass man sich von ihnen befreien muss. Weil Mütter in aller Stille ihr Opfer, ihr Lebensopfer vorweisen, sodass man sich in aller Stille schuldig fühlen muss. Weil Mutter so vieles ertragen hat, was nicht ertragbar hätte sein sollen. Weil Mutter verachtet wurde und wird. usw.usf.

Der Muttertag schmeckt bitter. Es fehlen die Worte. Eine Veränderung der Verhältnisse ist dringend angezeigt. Eine Veränderung, die sowohl den Kindern gut tut, wie den Müttern.

Eines Tages fuhr ich mit Kollegen von meinem Arbeitsplatz nach Hause. Neben mir telefonierten sie mit ihren Ehefrauen. Welches Abendessen sie heute wohl bekommen würden, wann sie da wären. Ja die geliebte Frau daheim hatte wohl auch schon die Wäsche gebügelt. Und da sagte ich: Ich beneide euch. Ich hätte auch gern so eine Hausfrau zu Hause, die ich anrufen kann, wenn ich nach der Arbeit müde bin. Denn hätte ich einen Mann zu Haus, dann würde er bestenfalls mit mir gemeinsam kochen. So ein Service ist einfach phantastisch. Die beiden waren verblüfft. Und mir fiel ein, dass es Mutter war, die fehlte. Dass sie sich zu Hause eine Mutter organisiert hatten, die ihnen ihr Essen kochte, ihre Wäsche machte. Dieselbe Struktur. Männer mit Hausfrauen verschaffen sich Mütterlichkeit. Oft verschaffen sie sich diese Mütterlichkeit sogar bei ihren berufstätigen Frauen, von denen sie sich versorgen lassen. Insgeheim ist Mütterlichkeit also ein Wert. Je nach Typus Mann wird die Frau, die diese Mütterlichkeit gibt, geliebt, verachtet, gehasst, geschätzt. Meistens aber wird die gemutterte Frau mit der erotisch attraktiveren betrogen. Der Zwiespalt lautet nicht Hure und Madonna, der Zwiespalt lautet draußen die Freundin, drinnen die Mutter. Der alt gewordene Bub, kann endlich auch die Frau, die ihn mütterlich versorgt, sexuell zur Verfügung haben. Darin äußert sich seine neue Rolle als Mann. Zudem verdient er Geld. Doch sein Rollenspiel zu Hause die Mutter, draußen die Freundin, bleibt aufrecht.

 

Mütterlichkeit scheint also ein Wert, der nach wie vor hoch im Kurs steht und dringend gebraucht wird, ohne die Mütterlichkeit der nun berufstätigen Frauen ist die Welt ein gutes Stück kälter und ärmer geworden, darüber können auch noch so gute Konsumangebote nicht hinwegtäuschen . Sogar die berufstätigen Frauen selbst bedürfen ihrer in zunehmendem Maße. Offiziell aber ist Mütterlichkeit nach wie vor einigermaßen lächerlich, daher heißt sie auch nicht so. Sie heißt EQ. Dagegen habe ich im Prinzip nichts einzuwenden, läuft man damit doch nicht in die Gefahr irgendwelche betulichen unbefriedigten Opferfrauen mit Mütterlichkeit zu verwechseln. Allerdings ist mir ungeheuer wichtig, dass der Wert EQ auch dorthin zurück kommt, wo er gespeist wird: In die Kinderstuben, in die Beziehungen, in denen Empathie und Hingabe als aktive und kreative Potenz eine Rolle spielen, damit die realen Mütter nicht mehr unter derart elenden Bedingungen ihre so fulminante Arbeit der Erneuerung der Gesellschaft leisten müssen und ihren EQ nicht unter derart vielen Entbehrungen entwickeln müssen. Die sozialen Notpflaster für die „nicht – arbeitenden“ Karenzfrauen sollen endlich einer vollen Anerkennung dieses bedeutenden Lebensbereichs der Gesellschaft weichen, der dieser nicht nur in Form der Kinder, sondern auch in Form höher qualifizierter Betreuungspersonen zurück fließt. In zahllosen Beziehungen, in denen beide Teile arbeiten, wird mit dem Rekurs auf die angeblich „natürlich zur Aufzucht der Brut“ begabten Frau die Bedürftigkeit der Frauen nach einem Gefährten mit EQ evident. Beziehungen zerbrechen daran.

Klar ist, dass ein bloßes Abmahnen, die nötigen Kinderpflichten partnerschaftlich zu teilen nicht den EQ stärken, sondern im schlimmsten Fall zum Erkalten in der Familie führen wird, was allen schadet: dem Kind, den Eltern, die Leere empfinden und schlussendlich der Gesellschaft, die schlussendlich mit Reparaturkosten für die Geschädigten aufzukommen hat. Denn der viel zitierte EQ äußert sich in der Bedürfnisstruktur als ein menschliches Grundbedürfnis nach Nähe, nach Wärme, nach Beantwortet-, nach Erkanntwerden und damit ist Mütterlichkeit oder EQ für beide Geschlechter nicht nur eine Voraussetzung sondern auch ein Ziel der Erziehung.

Allseits bekannt ist ja der grausame Versuch an Babys, die nur kalt gefüttert und gepflegt, nicht aber beantwortet wurden. Allesamt starben. Es fragt sich, ob die moderne Entwicklung des zunehmenden Ausschaltens der Mütterlichkeit gespeist von einem Mutterhass mit allerhand schrecklichen und unsinnigen Mutterbildern im Kopf, die auch von fortschrittlichen Frauen mitgetragen wird: „Die sollen arbeiten gehen“, letztlich nicht hart an dieses Modell der kalten emotionalen Unterversorgung von Kindern heranreicht. Zum Schluss empören sich dann alle über die Jugendlichen, über die Kinder, schlagen die Hände über dem Kopf zusammen und wundern sich, was diese produzieren. Und was glauben Sie, wer dann geschimpft wird? Dreimal dürfen Sie raten. In Wahrheit ist Mütterlichkeit als Fürsorglichkeit, Empathie, kommunikative Interaktion als positiver Wert einer, der auch für Männer im Namen einer neuen Väterlichkeit erstrebenswert ist.

 
 

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