
7. Intelligenz
Es ist heute gang und gäbe über Intelligenz und Intelligenzförderung zu sprechen. Die Entwicklung des Menschen soll Schritt halten mit den umwälzenden technologischen Veränderungen, die die Erfindung des Computers ermöglichte. Gentechnologie und Chaosforschung sind nur einige Ausschnitte davon. Daher will man mit der Intelligenzförderung möglichst früh beginnen, möglichst schon im Mutterleib oder am besten schon bei der Familienplanung. Es gab sogar einmal eine Phase, als werdenden Müttern in den USA klassische Musik auf Tonträgern mitgegeben wurde, weil das angeblich die Intelligenz des Kindes steigern sollte.
Dieser Geist hat alle erfasst, die Zeitungen sind voll davon, die Expertenliteratur zur Kindererziehung und –förderung nimmt ungeahnte Ausmaße an.
Die Eltern, jedenfalls in den meisten Fällen auch die Väter, wünschen sich das Beste für ihr Kind, sie wünschen sich, dass ihr Kind intelligent wird, sie wünschen sich, dass es ein erfolgreiches Leben führen kann mit einem guten Job und in guten sozialen Verhältnissen. Die Verwirrung darüber, wie das zu erreichen ist, ist nach wie vor groß. Es gibt widersprechende Lehrmeinungen, Konflikte in den Familien, die sogar bis zur Trennung der Partner führen können, Streit mit den Kindern bis hin zur Gewalt gegen Kinder, die nicht tun, was man für das Beste hält. Ja die Konflikte und Leiden in diesem Bereich sind ungeheuer. Man schlägt einander förmlich die Köpfe ein mit Meinungen über Richtig und Falsch des Weges zum Erfolg und bleibt dabei oft auf der Strecke. Die Opfer sind dabei nicht zuletzt die Kinder. Verweigerungen, Furcht vor Kontakten oder Ängsten bzw. Aggressionsbereitschaft der Schüler und Schülerinnen werden von Autoritätspersonen in den Institutionen häufig mit einem Scherbenhaufen im Familienleben verknüpft. Schnell werden dann beispielsweise Scheidungskinder oder Kinder von Alleinerziehenden oder Einzelkinder zu Problemfällen erklärt, hinter die Mauern der Fassaden der äußeren Lebensumstände wird nicht geblickt. Das unproblematische Kind, das den Leistungsanforderungen entspricht, ist das Erziehungsziel, selten wird individuell das pädagogische Konzept auf die konkret vorhandenen Kinder abgestimmt. Aus Angst vor dem Bewertungsdruck werden daher Probleme möglichst retuschiert und vor der Öffentlichkeit geheim gehalten (Familiengeheimnisse). Das führt wiederum dazu, dass Eltern selten in der Lage sind, offen über etwaige ähnlich gelagerte Probleme offen zu reden, um selbständig Ursachen aufzuspüren. Sie sind bei der Erziehung zunehmend isoliert und daher zunehmend auf Ratgeber und Experten angewiesen. Eine Desolidarisierung der Gesellschaft macht sich breit.
Die Eltern und ihr Versagen werden stärker in den Mittelpunkt der Verantwortung gerückt, dabei werden jedoch die äußeren Umstände außer Acht gelassen. Tatsächlich hat sich in den zeitgenössischen Eltern-Kind-Beziehungen einiges verändert. Einfache Ursache-Wirkungs-Modelle führen jedoch zu voreiligen Bewertungen, verstärken den Erfolgsdruck der Eltern, die damit selbst in die Gefahr der öffentlich geschimpften oder für unfähig erklärten Eltern kommen. Eine Leistungsstressreaktion hat im Extremfall sogar meiner Meinung nach zum Kindesmord geführt, als ein Vater sein schreiendes Baby so schüttelte, dass es daran verstarb. Das Kind einer guten Mutter oder eines guten Vaters hat nicht zu weinen. Ich gebe zu, die Schreiphasen eines Babys sind ohnehin Nerven zerreißend, aber dies noch unter dem Leistungsstress etwas beweisen zu müssen, ist unaushaltbar.
Tatsache ist, dass heutige Kinder bereits im Kleinkindalter als Konkurrenzobjekte zwischen Eltern dienen. Dass dabei viele Kinder auf der Strecke bleiben, ist nicht weiter verwunderlich. Kindliche Bedürfnisse und solche Anspruchshaltungen sind letztlich unvereinbar, sie steigen innerlich aus, es kommt zu Leistungsverweigerung und Stresssymptomen. (ca 40% der Kinder leiden unter Stress laut Engel und Hurrelmann: Psychosoziale Entwicklung im Jugendalter, Berlin 1989)
Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die Familie unter einem enormen Erziehungsdruck, Erfolgsdruck und Bewertungsdruck steht, was historisch ohne Vorbild ist. Gleichzeitig sind die Erziehenden in ihrer Arbeit zunehmend isoliert.
Unstrittig ist, dass die Familie die erste und eine sehr wichtige Sozialisationsinstanz ist. Ausgesprochen wichtig ist jedoch auch die wohnliche Situation, sowie das soziale Umfeld, in das das Kind hinein wächst. Weiters spielt eine bedeutende Rolle bereits ab dem Kleinkindalter die überbordende Unterhaltungsindustrie und Massenkultur für Kinder, die keinerlei Kontrolle unterliegt und jegliches Bemühen wohlwollender Eltern vereiteln kann, da sie über die soziale Schiene des Miteinanders der Kinder sehr wichtig wird. Von großer Bedeutung sind die Institutionen Kindergarten, Schule und Hort, die ebenfalls bereits massiver Kritik unterworfen werden.
Zur Zeit hält auch die Diskussion um das öffentliche Schulwesen die Öffentlichkeit in Atem. Zweifel an den „Experten“ Lehrer werden laut, verschiedene Konzepte, wie eine möglichst lernbereite aktive und flexible Nachkommenschaft herangezogen werden kann, werden breit diskutiert. Die Schule steht vor Erziehungsaufgaben, denen sie bisher nicht gewachsen ist.
Im Wesentlichen stimmen alle „Erzieher“, die Gesellschaft, die Wirtschaft, die Vertreter der verschiedenen politischen Couleurs in den Zielen überein:
Wir brauchen Menschen mit „intelligentem Wissen“, das auch auf neue Wissensbereiche transferierbar ist, also nicht rein reproduziertes Faktenwissen. Wir brauchen Menschen, die ein Leben lang aktiv lernen wollen, damit sie mit dem Wandel in allen Lebensbereichen umgehen können. Wir brauchen Menschen, die fähig und bereit sind, vernetzt und komplex zu denken, also nicht einseitig fachspezifisch orientiert sind. Wir brauchen Menschen, die selbstverantwortlich handeln und ihre Kompetenzen einschätzen können, Menschen, die fähig sind im Team zu arbeiten und soziale Beziehungen aufzubauen und zu pflegen. Nicht zuletzt sollen diese Menschen auch Kompetenzen erwerben, um aktive Teilhaber an modernen multikulturellen demokratischen Gemeinschaften sein zu können. So weit die Ziele, wie sie auch als Bildungsziele im Thesenpapier der Zukunftskommission formuliert werden. (Das Reformkonzept der Zukunftskommission. Von Günter Haider, Ferdinand Eder, Werner Specht, Christiane Spiel. Veröffentlicht im Internet unter www.klassezukunft.at)
Die Frage ist allerdings die nach dem Weg. Dort jedoch scheiden sich die Geister. Wie werden diese Ziele erreicht?
Ich möchte an dieser Stelle nicht die verschiedensten Positionen referieren, sondern selbst einen Weg anbieten, darüber nachzudenken.
a. Der erste Streit entscheidet auch bereits über die erste Trennung: Intelligenz ist angeboren, wird vererbt und kann nur minimal gefördert und entwickelt werden.
Gegen diese gar nicht so wenig verbreitete Ansicht richtet sich die moderne Hirnforschung mit ihren Ergebnissen:
Das menschliche Gehirn besteht demnach in seiner Konstanz aus Neuronen, die mittels chemischer Transmitter, die in elektrische Impulse übersetzt werden, an so genannten Synapsen miteinander in Verbindung stehen. Die Gehirnfunktionen stehen also insgesamt sehr stark mit dem gesamten chemophysischen und –psychischen Prozess eines Lebewesens in Zusammenhang. „Neun Monate nach der Empfängnis sind die meisten Neuronen, die unser Gehirn aufbauen, zu ihrem Bestimmungsort im Gehirn gewandert. Dort angekommen schlägt jedes Neuron Wurzeln und macht sich daran, synaptischen Kontakt mit seinen Nachbarneuronen aufzunehmen.“ (4,S.140) Das Gehirn verfügt über wesentlich mehr Neuronen, als im weiteren Verlauf des Lebens genutzt werden können. In den folgenden drei Jahren wächst das Gehirn des Kindes auf ungefähr die vierfache Größe als zur Zeit der Geburt. 85% der nachgeburtlichen Gehirnentwicklung findet in den ersten drei Jahren des Kindes statt. Ein Großteil der spektakulären Größenzunahme des Gehirns nach der Geburt geht auf die Entwicklung der Fortsätze zurück, die als Kommunikationsverbindungen zwischen den Neuronen dienen. Neuronen, die nicht genutzt werden, werden nicht vernetzt und verlieren ihre Funktion. Dafür gibt es ebenfalls ungewöhnliche Beispiele: So ergab z.B. die Untersuchungen einem 6-jährigen italienischen Jungen, der auf einem Auge blind war, ein medizinisches Rätsel. Soweit Augenärzte feststellen konnten, war das blinde Auge völlig in Ordnung. Wie sich herausstellte, war das Auge des Jungen, als er noch ein Baby war, zwei Wochen lang wegen einer leichten Infektion verbunden worden. Eine solche Behandlung wäre bei einem älteren Kind mit bereits ausgebildeten neuronalen Verbindungen ohne negative Folgen geblieben. Aber so kurz nach der Geburt befand sich die Ausbildung der Augen-Gehirn-Schaltkreise in einer kritischen Periode. Da die Neuronen, die das verbundene Auge versorgten, nicht arbeiteten, wurde ihre normale Zielregion von Nerven des unverbundenen, normal arbeitenden Auges übernommen. Das Gehirn behandelte die Neuronen, die nicht arbeiteten, so, als ob sie nicht vorhanden wären. Sensibel ist das neuronale System vor allem während der ersten drei Lebensjahre des Kindes auf Erfahrungen mit der Umwelt. Vernetzungen stellen sich her oder eben nicht. Das Prinzip „Use it or loose it“ bezüglich der Neuronen ist genauso von Bedeutung wie das Prinzip „Use it as much as you can“. Je aktiver Hirnregionen durch aktiven Austausch mit der Umwelt gefordert werden, umso mehr Schaltkreise bilden sich aus, die elektrisch aktiv sind und chemische Verbindungen zur Verfügung haben. Diese wiederum stehen wie gesagt in engem Zusammenhang mit dem chemophysischen und –psychischen Prozess des Lebewesens: Ernährung, Erholung, Schlaf, Stressvermeidung, Gesundheit usw. spielen also ebenfalls eine bedeutsame Rolle.
Meine Schlussfolgerung lautet demnach: Intelligenz wird „vererbt“ durch die Umgangsformen der Eltern mit ihrem Kind. Wenig ist dabei fix angeboren, das Wenige ist selten nachweisbar, aber auch das Interaktive, das, was sich konkret im Austausch zwischen Kind und Betreuungsperson abspielt, ist selten exakt nachweisbar. Interaktion im nonverbalen Raum ist nichts Messbares.
Auf jeden Fall ist das menschliche Gehirn und der Prozess seiner Entwicklung im Mutterleib seit 30.000 Jahren derselbe geblieben. Mit dem Gehirn, das wir als Neugeborene haben, könnten wir genauso gut in der Urzeit der frühen Cro-Magnon-Menschen überlebt haben. Anders gesagt, ein in unsere Zeit versetztes Cro-Magnon-Baby könnte durchaus genauso geschickt und intellektuell beweglich im Umgang mit Computern werden wie es viele Jugendliche in Industrieländern heute sind. Die größte Herausforderung für das anpassungsfähige menschliche Gehirn besteht darin, sich unter zeittypischen Umwelteinflüssen und Zwängen zu entwickeln und heranzureifen, unter denen es überleben muss, sei es in der Welt des Computers oder in der Welt des Dschungels. Die Windungen des Gehirns, der Cortex, reifen erst relativ spät, etwa im 7. Schwangerschaftsmonat heran. Der Vorteil des gefurchten Cortex ist, dass auf begrenztem Raum mehr Oberfläche untergebracht werden kann.
b. Der zweite Streit bezieht sich darauf, dass das Baby uninteressant, weil geistig noch nicht besonders gescheit, also entwickelt, die Beschäftigung mit ihm daher fad und etwas für vernarrte, ein bisschen dabei verblödete Mütter oder Väter, bzw. für bezahlte Betreuungspersonen sei:
Ich behaupte, es kommt ganz darauf an, mit welchem „Bild“, ja sogar mit welchem „Weltbild“ man hier hantiert.
In der älteren Hirnforschung heißt es
„Dass das Auftauchen eines Archetyps nicht sofort mit einer reflexhaften Instinktreaktion des Menschen beantwortet wird, liegt im Sinne der Bewusstseinsentwicklung, denn die Erkenntnis des Objektiven, sei es des Objektiven der Welt außen oder der psychischen Welt innen, des kollektiven Unbewussten, wird durch die Wirkung der emotional-dynamischen Komponente des Unbewussten gestört und sogar verhindert...Bewusstsein, Ich und Wille, welche den Stoßtrupp zumindest der abendländischen Menschheitsentwicklung bilden, tendieren dahin, den Zusammenhang zwischen den materiellen und den dynamischen Komponenten, d.h. der emotional betonten Instinkt-Reaktionen und –Handlungen zu trennen, sich der materiellen Komponenten, der Inhalte des Unbewussten zu bemächtigen und sie zu verarbeiten.“ (Leider ist es mir nicht mehr möglich, die Quelle dieses Zitats zu ermitteln.)
An der Uni Wien wurde in den 70er und 80er Jahren im Fach Pädagogik unterrichtet, man erziehe Zöglinge stufenweise zu sich herauf. Sie entwickelten Stufe für Stufe mehr an Kenntnissen und Fähigkeiten, bis sie im Idealfall den Mentor erreichten. Dabei müsse der Mentor helfen
Auch im Verhältnis zu anderen Kulturen wünschen viele, die anderen mögen sich zu unseren hoch entwickelten Standards herauf entwickeln. Man blickt bisweilen freundlich, jedoch kritisch auf die „Primitiven“, die Verachtung ist nicht zu übersehen.
Da die ältere Hirnforschung der emotionalen, dynamischen Seite des Unterbewussten untergeordnete Funktionen zuschreibt, die durch die rationale Seite des Bewusstseins unter Kontrolle gehalten werden müssen, damit Menschen nicht in primitive Reiz-Reaktions-Verhalten verfallen, konstruiert sie hier die Entwicklung von einem „primitiven Menschen“, meint damit gleichzeitig einen ‚Frühmenschen’, einen ‚Urwaldmenschen’ und ein Kleinkind zum hoch entwickelten Individuums abendländischer Provenienz. Dieses Weltbild ist auch in dieser Theorie enthalten.
Wer seine Zeit mit „Untermenschen“ verbringen muss, um diese höher zu entwickeln, beschäftigt sich mit mühsamer niedriger Arbeit. Besser scheint es doch in so einem Fall, sich dann nur an den Produkten zu erfreuen.
Beim Studium so genannter primitiver Völker oder bei der Untersuchung eines rückständigen Teils der Gesellschaft zivilisierter Völker der Neuzeit stoßen Ethnologen in allen Teilen der Erde auf ähnliche kultische Bräuche, die als ‚magische Rituale’ beschrieben werden können. Mit Hilfe des Rituals will der magische Mensch Einfluss auf das Wetter, die Ernte, die Fruchtbarkeit nehmen, will sich und die Seinen schützen, Feinden schaden und ihnen den Tod bringen; Liebhaber sollen betört, Kranke geheilt, die Zukunft beschworen werden usw.
Solche und ähnliche Praktiken finden sich in Ansätzen bei Kindern wieder. Sie bewegen sich im Symbolbereich.
„:Magie ist eine Erfahrungswissenschaft des ‚Zweiten Gesichts’ und ruht auf dem Gefühl für einen Seelenstoff, verschieden von der Einzelseele, - auf einer durchwaltenden Kraft und, im Gegensatz zu unbelebten Naturkräften, einer lebenden, kosmischen Potenz, mag sie nun Manitu, Orenda, Wakonda, Mana heißen. Für den magischen Menschen bewährt sich Magie, denn sein Kosmos funktioniert, obwohl es nach unseren Begriffen unmöglich scheinen sollte, mit so irrwitzigen Mitteln irgendwelche für das praktische Leben brauchbare Resultate zu erzielen.“ (Sir Galahad: Mütter und Amazonen,Ullstein TB 1987,S.65)
Magisches Bewusstsein beruht immer auf einem Verständnis von Welt, das den Menschen nicht aus dieser Welt aussondert. Der magische Mensch entdeckt in sich die Qualitäten der übrigen Welt und betrachtet sich selbst als Bestandteil der Natur. Die Wechselwirkung zwischen Mensch und Natur wird als so allseitig und intensiv erlebt, dass er nicht fähig ist, Natur von außen zu betrachten, er ist in ihr drin. Jenseits des uns sinnlich Fassbaren, in einem „Anderssinnlichen“ nützt und dirigiert er Kräfte, deren Vorhandensein ihm ebenso selbstverständlich und natürlich sind wie uns etwa die Elektrizität. In seinem Bewusstsein ‚zaubert’ er ebenso wenig wie wir in unserem Bewusstsein ‚zaubern’, wenn wir Licht ‚machen’, Maschinen in Gang setzen usw. Im Alltag verwenden wir elektrische Energie, ohne darüber nachzudenken, was ‚elektrische Energie’ eigentlich ist. Wir haben nicht den Eindruck zu zaubern, denn die Praxis und Erfahrung im Umgang mit elektrischer Energie ist uns zur Selbstverständlichkeit geworden, obwohl wir mit einer Kraft umgehen, deren Wesen bis heute sogar von der Wissenschaft nicht unwidersprüchlich erfasst wurde.
Umgang und Machtwirkung mit Kräften, deren Wesen uns unbekannt ist, könnte allgemein als ‚Zauberei’ definiert werden. In dem Sinne wäre auch unser Umgang mit elektrischer Energie Zauberei. Tatsächlich erlebt der magische Mensch unsere Technik als Magie. Umgekehrt allerdings bleiben die Wirkungszusammenhänge, die der ‚Primitive’ benennt, das, was unserem Bewusstsein als Zauber erscheint, weil uns der Umgang, die Anwendung und die Wirkungsweise der Kräfte fremd sind, Studienobjekt für belächelte Parapsychologie und Grenzwissenschaften.
Schamanistische Heilpraktiken, telepathische und telekinetische Phänomene, die Beschreibung komplizierter Wechselwirkungen, Kraftströme zwischen Geschöpf und Geschöpf, bleiben – auch wenn sie funktionieren, d.h. Ergebnisse erzielt werden, unglaubwürdig, werden als Zufälle, als Scharlatanerie abgetan.
Doch Welt wird auch von uns ‚Zivilisierten’ nicht nur mit den Sinnen ‚außen’ wahrgenommen. Sie erscheint gleichzeitig auch ‚innen’ in Phantasien, in symbolischen Bildern. Diese Bilder tauchen jederzeit und überall in Menschen auf. Ihr Ursprung ist unbekannt.
So wie der magische Mensch Traumerleben und Erleben im Wachzustand nicht unterscheidet, bleiben ihm die Wahrnehmung ‚außen’ und die Wahrnehmung ‚innen’ untrennbar verbunden. Die äußere Welt ist ihm nur Träger dieses Anderen, das die Kohärenz seiner Welt ausmacht. Die Bilder und Symbole verdichten sich zu Bildwelten, erscheinen als Mythos, äußern sich im Kult, rituellem Tun, das Einfluss auf das Wahrgenommene nehmen soll.
Wo Wissenschaft die Tiefenwahrnehmung des magischen Menschen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft, kommt sie nicht selten zu überraschenden Resultaten:
„Nicht nur, dass frühe Kulturvölker, sondern auch die ‚Primitiven’ der ganzen Erde viel mehr wissen, als sie dem Stand ihrer experimentellen Mittel nach wissen dürften, ist lange eine uneingestandene Wahrheit gewesen. Wo man sie früher im Irrtum glaubte, hat es sich dann nicht selten herausgestellt, dass der Versager auf Seiten der Wissenschaft war. Edgar Daqué hat für diese Art Wissen das schöne Wort ‚Natursichtigkeit’ gefunden. Natursichtige Menschen schöpfen aus einem unsichtbaren, der Ratio verschlossenen Bereich hinter den intellektuellen Kulissen. Auf dieses Reich ist ihr ganzes, so unlogisches Handeln abgestimmt, das für den Verstand unbegreiflicherweise dann die gewünschten Resultate erbringt.“ (Sir Galahad,a.a.O.,S.67)
Unsere Zivilisation hat mit ihrem Wirklichkeitsbegriff äußere, zähl-, mess- und wägbare Materie vom inneren Bilderleben abgespalten: Kinder, die ihre Phantasien als Erlebnisse schildern, werden der Lüge bezichtigt. Castaneda beschreibt als sein Hauptproblem mit den unglaublichen Erlebnissen bei Don Juan, dass er nicht wisse, ob er alles ‚wirklich’ erlebt habe. Hält er sie für wahr, läuft er Gefahr seinen Wirklichkeitsbegriff aufzulösen und sich gemeinsam mit den Vertretern der aufgeklärten Welt für wahnsinnig zu halten. Sein Wirklichkeitsbegriff hindert ihn, seine eigene Erfahrung zu verstehen und bewirkt erst die Spaltung, die ihn als wahnsinnig oder als unglaubwürdig erscheinen lässt.
Innere Wahrnehmung, die über die Phänomene des sinnlich Fassbaren hinausgeht, wird als phantasievoll, phantastisch, aber unwahr abgewertet. Im Alltag wird innere Wahrnehmung für gewöhnlich erst bewusst zur Kenntnis genommen, wenn sie mit einer rational begründeten, begründbaren Vorstellung, wie Welt zu sein hat, kollidiert. Kunst, die mit innerer Wahrnehmung arbeitet, bzw. arbeiten soll, wird nicht mehr als erkenntnisträchtig angesehen.
Unsere Lebenswelt, d.h. die Welt des uns unmittelbar Selbstverständlichen soll nur durch aus der empirischen Wirklichkeit gewonnenes, rationales Wissen, durch technisches Denken veränderbar sein. Dort allein lägen Wahrheit und Fortschritt, d.h. Veränderung.
Wir können davon ausgehen, dass die uns infolge der Abwertung des Bildhaften erwachsene Dummheit nicht nur verunsichert in der Erkenntnis dessen, was wir wahrnehmen und erleben, nicht nur zur leichten Beute für Scharlatanerie in Kunst und Magie, für Werbekampagnen macht, sondern auch politischer Propaganda, die sich als kulturelle tarnt und auf Wiederbelebung von Kult, Ritual und Symbol abzielt, ein breites Wirkungsfeld eröffnet. Nationalsozialistische Propaganda fand dort den meisten Zulauf, wo sie auf politisch organisierte Kampagne verzichtete und eine scheinbar unpolitische, kulturelle Aktivität entfaltete, die in der Aufwertung von Brauchtum und Kulten und dem Einsatz alter Symbole bestand.
Trotzdem bleibt das Dogma von der wirklichen Wirklichkeit unserer Zivilisation weiterhin ein Tabu. Wer es überschreitet, verfalle dem Wahn- und Aberwitz.
Der Überlegenheitsgestus unserer Gesellschaft beruht auf der Utopie, dass logische Vernunft, empirische Erfahrung, die höchste menschliche Eigenschaft sei und der Mensch mit ihrer Hilfe zur Erfassung der ewigen, objektiven Wahrheiten vordringen könne. Diese Utopie wird genährt durch die Sehnsucht, Außenwelt so zu erfassen, wie sie in sich ist, Welt so zu erkennen, als wäre der Erkennende nicht darin und dabei, beruht also auf dem Konstrukt einer Subjekt-Objekt-Beziehung zwischen menschlichem Logos als erkennendem Subjekt und Welt, dem zu erkennenden Objekt. Das Bemühen, die Welt zu erforschen, führt zum Irrtum, im Ergebnis objektive, logisch bewiesene Weltbilder gewonnen zu haben. Eine subjektfreie Welt, d.h. eine Welt, aus der in Befolgung der wissenschaftlichen Forderung alles Subjektive entfernt wurde, würde eben von keinem Subjekt wahrgenommen werden können, wäre daher der Untersuchung entzogen.
Der ‚objektive’ Wissenschaftler, dem der Nachweis der Wirkungskraft magischer Praktiken experimentell misslingt, sollte sich und seinen Horizont nicht leichtfertig dem bekannten Witz zum Opfer bringen: „Klavierspielen gibt es nicht. Ich habe es mehrmals versucht, aber es ist nichts dabei herausgekommen.“
Unser wissenschaftliches, rational organisiertes Weltbild ist ein Erbe der Antike. Denn die dominante kulturelle Tradition unserer griechisch-römischen Zivilisation, die den größten Teil Westeuropas beherrschte, ist auf die platonisch-aristotelische Logik der Widerspruchsfreiheit gegründet, deren Ordnungsprinzip auf der dualistischen Trennung der Gegensätze beruht. Die logische Formel des Aristoteles: „Ein und dasselbe kann demselben Gegenstande und in derselben Bedeutung nicht zugleich zugesprochen und abgesprochen werden“ besagt, dass zwei kontradiktorische Urteile (von denen das Eine unter präzisierten Bedingungen die Zugehörigkeit des Attributs zum Subjekt bejaht, das andere verneint) weder alle beide wahr noch falsch sein können. Auf diese Weise trennt Aristoteles Wahres vom Falschen, das Sein vom Nichts. Das westliche Denken wird damit in eine Reihe von Gegensätzen aufgespaltet, in ein Entweder-Oder, Richtig und Falsch, Vernunft und Phantasie, Körper und Seele, Zeitlichkeit und Ewigkeit usw. Dabei werden Phantasie, Seele, Ewigkeit, Nichtsein auf einen Pol mit Falsch geordnet, dagegen Vernunft, Körper, Zeitlichkeit, Sein auf den anderen Pol gemeinsam mit Richtig.
Wo die klassische Physik im Sinne aristotelischer Logik noch nach kausal determinierten Naturgesetzen forschte, sucht die Atomphysik heute nach primären Wahrscheinlichkeiten. Heisenberg erklärte dies so:
„Es existieren Zwischensituationen, bei denen es nicht entschieden ist, ob die Aussage falsch oder richtig ist, und dieses Wort ‚nicht entschieden’ darf keinesfalls einfach als Unkenntnis über den wahren Sachverhalt interpretiert werden. Man kann also eine Aussage, die einem Zwischenwert entspricht, nicht einfach in der Weise deuten, dass zwar ‚ in Wirklichkeit’ die eine oder die andere Aussage der Alternative richtig sei, dass aber nicht bekannt sei, welche Aussage zutreffe. Vielmehr lässt sich die dem Zwischenwert entsprechende Aussage eben in einer gewöhnlichen Sprache nicht mehr ausdrücken.“ (Heisenberg, Werner: Sprache und Wirklichkeit in der Physik; in: Sprache und Wirklichkeit,Essays; München 1967;S.20-44;S.36))
Heisenberg verweist darauf, dass diese’ Zwischensituationen’ letztlich deshalb sprachlich so schwer fassbar seien, weil dem praktischen Verstand die Vorstellung einer Mischung zwischen dem Fall, dass hier ein Tisch steht und dem Fall, dass hier kein Tisch steht, als Zwischensituation unzugänglich bleibt.
„Von Weizsäcker hat solche Zustände, die komplementären Aussagen entsprechen, koexistierende Zustände genannt, um anzudeuten, dass es Zustände sind, die die beiden Alternativen als Möglichkeiten enthalten.“ (Heisenberg,a.a.O.,S.40)
Die Atomphysik, die in Bereiche der Natur vorgedrungen ist, die unseren Sinnen nicht mehr unmittelbar zugänglich sind, stößt an das Problem, dass es unmöglich ist, die Wirkungen des Beobachters durch determinierbare Korrekturen zu eliminieren. In der Quantentheorie existieren Unbestimmtheitsrelationen:
„Wir können z.B. nicht gleichzeitig den Ort und die Geschwindigkeit eines Elementarteilchens messen. Je genauer wir den Ort messen, umso geringer wird die Genauigkeit unserer Kenntnis der Geschwindigkeit und umgekehrt... Niels Bohr hat von einer Komplementarität der beiden Begriffe Ort und Geschwindigkeit gesprochen und er hat allgemein darauf hingewiesen, dass wir in der Atomphysik verschiedene Beschreibungsweisen verwenden müssen, die sich zwar gegenseitig ausschließen, aber doch auch ergänzen, sodass erst durch das Spielen mit den verschiedenen Bildern schließlich eine angemessene Beschreibung des Vorgangs erreicht wird.“(Heisenberg,a.a.O.,S.34)
Moderne Physiker versuchen also ähnlich den Dichtern, im Geist des Hörenden durch Bild und Gleichnis gewisse Bewegungen hervorzurufen, die in die gewollte Richtung weisen, ohne ihn durch eindeutige Formulierung zum präzisen Nachvollziehen eines bestimmten Gedankengangs zu zwingen.
Niels Bohrs Idee von der Komplementarität hat auch in der Psychologie Anwendung gefunden. Jung erkannte eine komplementäre Beziehung zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten. Jeder unbewusste Inhalt werde durch die Einwirkungen des Bewusstseins teilweise verändert, jede Bewusstseinserweiterung hat eine unmessbare Rückwirkung auf sein Unbewusstes.
Darum kann auch das Unbewusste (wie die Materie in der Physik) nur annähernd durch paradoxe Begriffe umschrieben werden; was es ‚in sich selbst’ ist, werden wir nie erfahren, sowenig wie in der Materie auch.
Ähnlich verhält es sich bei der Frage nach dem Wesen des Lebens: Was es in sich selbst ist, können wir nicht erfahren. Denn der Zustand, d.h. der Ort, an dem Leben dingfest zu machen versucht würde, gleichzeitig seine Bewegung stoppt. „Nichts“ wird erfasst bzw. ein totes Objekt, dessen Wesen durch den Akt der Beschreibung verloren ging.
Im 19. und auch noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Vorstellung populär, die Entwicklung des Menschen im Mutterbauch spiegle die evolutionäre Entwicklung wider: Von der Urzelle zum Fisch, zum niederen Säuger, dann Katzen, höhere Säuger und schließlich Äffchen bis schlussendlich zum Menschen. Obwohl das Bild überzeugend und attraktiv ist, ist es doch eine ungenaue Analogie, da das embryonale Gehirn nie dem eines Fisches oder einer Katze usw. genau gleicht. Dennoch ist diesem Bild einiges abzugewinnen.
Paul Maclean entwickelte in den vierziger und fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts ein Modell, das die Funktionen großer Hirnregionen miteinander verknüpft. Er beschrieb das Reptiliengehirn, das dem Hirnstamm entspricht (dem zentralen Stiel, der aus dem Rückenmark aufsteigt). Es sei für primitives Instinktverhalten, für Überleben und Arterhaltung zuständig und reagiere auf Bedrohung. Dort finde zwar eine gewisse Form des Lernens statt, jedoch handle es sich um gedrilltes, abgerichtetes Lernen, das eng mit Zuständen wie Feindseligkeit, Wut, Angst und Sorge verbunden sei. Als altes Säugergehirn benannte Maclean eine Reihe von miteinander verbundenen Strukturen im Bereich des Mittelhirns, dem so genannten limbischen System, das das emotionale Verhalten kontrolliert, vor allem das Aggressions- oder Sexualverhalten. Das limbische System gibt seine Impulse vor allem in die rechte Hemisphäre ab. Das limbische System soll sich vor allem in der Zeit zwischen 0 und 7 Jahren ausbilden.
Das neue Säugergehirn schließlich war der Bereich für das Denken, die in der äußeren Schicht des Gehirns abliefen. Die Außenschicht wird als Cortex (von lateinisch „Rinde“) bezeichnet, da sie die Oberfläche des Gehirns überzieht wie die Rinde einen Baum. Der Cortex wird angeblich erst ab dem 7. Lebensjahr aktiviert. Diese Phase, die häufig auch als operative Phase bezeichnet wird, erlaubt Kindern zielorientiert und planend zu handeln, konkrete Handlungen zielgerichtet zu einem Ende zu führen. Diese Phase beruht auf dem Erfahrungsschatz der ersten Phase, als sich das limbische System ausbildete.
Der Neokortex wird erst ab dem 12.Lebensjahr aktiviert und ermöglicht abstraktes Denken. Was sich in der vorangegangenen Phase vorbereitete wird nun aktiv.
Noch im Mutterleib bildet sich das erste Nervensystem aus, das Retikulärsystem. Dies ist die Fähigkeit zu wachsen und sich zu organisieren. Das Retikulärsystem bringt Reize, die von außen kommen, ins Gleichgewicht: z.B. kann das Baby in bestimmten Rahmen Temperatur ausgleichen, den Sauerstoffgehalt des Blutes regulieren, den Wasserhaushalt steuern und Nährstoffzufuhr nach Bedarf fordern.
Paul MacLeans Theorie von der Heraufentwicklung des menschlichen Gehirns zum Neokortex-Menchen entspricht gewissermaßen der Phantasie des Menschen der sich heute auf einer höheren Entwicklungsstufe befindet als früher und ist der Idee des linearen Fortschritts verpflichtet. Wieder stehen hier die Kinder ganz unten und höchstens jemand, der Tiere mag oder sich gern mit niederen Wesen abplagt, kann sich an einer solchen Arbeit erfreuen.
Es ist jedoch festzustellen, dass die moderne Hirnforschung neuere Modelle entwickelt hat, die diese älteren Modelle wohltuend erweitern.
Paul Watzlawick referiert darüber in seinem Buch „Die Möglichkeit des Andersseins“(Watzlawick, Paul: Die Möglichkeit des Andersseins,Bern-Stuttgart-Wien,1982) Er erklärt, dass wir alle
„ein Zwillingspaar im Kopf herumtragen, nämlich unsere beiden Gehirnhälften (Hemisphären), die keineswegs eine scheinbar unnötige Verdopplung darstellen, sondern – wie wir nun wissen – im eigentlichen Sinne zwei Gehirne mit verschiedenen Funktionen sind.“(Watzlawick,a.a.O.,S.21)
Watzlawick unterscheidet zwei Formen der Wirklichkeitserfassung, zwei Bewusstheiten, nämlich das logisch-methodische, schrittweise sich aufbauende Vorgehen,
„das unter Umständen den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht und andererseits ein global-holistisches Erfassen von Ganzheiten, von Gestalten, das den Einzelheiten recht hilflos gegenübersteht – also die Bäume vor lauter Wald nicht sieht.“(Watzlawick,a.a.O.,S.19)
Er belegt die Existenz zweier verschiedener Sprachen:
„Die eine, in der zum Beispiel dieser Satz selbst abgefasst ist, ist objektiv, definierend, zerebral, logisch, analytisch; es ist die Sprache der Vernunft, der Wissenschaft, Deutung und Erklärung... Die andere ist viel schwieriger zu definieren, eben weil sie nicht die Sprache der Definition ist. Man könnte sie die Sprache des Bildes, der Metapher, des pars pro toto, vielleicht des Symbols, jedenfalls aber der Ganzheit (und nicht der analytischen Zerlegung) nennen.“ (Watzlawick,a.a.O.,S.17)
Ähnlich unterscheidbar ist logisch gerichtetes, analytisches Denken und ungerichtetes Denken, Träumen, Phantasieren, Spekulation, Bilderleben usw.
Anhand von Experimenten mit Patienten, die schwere Läsionen einer Großhirnhälfte (Hemisphäre) aufweisen und nach Untersuchungen der psychologischen und verhaltensmäßigen Auswirkungen der Kommissurotomie (hirnchirurgischen Durchtrennung der breitesten Verbindungszone der beiden Hemisphären, des sog. Balkens oder corpus callosum) wurde eine ‚Hemisphärentheorie’ entwickelt, die besagt, dass wir mit beiden Hemisphären in unterschiedlicher Weise denken und sprechen.
Demnach besitzen wir also zwei Bewusstheiten, die
„im Idealfall in harmonischer Integration jeweils komplementär zur Erfassung und adäquater Bewältigung der Wirklichkeit zusammenarbeiten, im Konfliktfall aber mangels einer gemeinsamen Sprache nicht miteinander kommunizieren können.“ (Watzlawick,a.a.O.,S.34)
Watzlawick erklärt, dass die rechte Hemisphäre über ungewöhnlich hohe kognitive Fähigkeiten verfügt und ein geschlossenes Weltbild besitzt.
„Überhaupt dominiert hier das Bild, die Analogie, und daher auch die Evokation von Erinnerungsbildern und den damit zusammenhängenden Empfindungen.“ (Watzlawick,a.a.O.,S.25)
Was Freud das Es und Jung das Unbewusste nannte, rechnet Watzlawick in Anlehnung an die moderne Gehirnforschung ebenfalls den Funktionen der rechten Hemisphäre zu.
Die linke Hemisphäre ist auf logische Aufschlüsselung der Welt ins Detail spezialisiert. Ihre Funktionen sind uns besser vertraut, da sie der Sphäre des bewussten Tuns und Denkens angehören. Sie übersetzt die wahrgenommene Umwelt in „logische, semantische und phonetische Repräsentationen.“ In ihre Kompetenz fallen „Lesen, Schreiben, Zählen, Rechnen und ganz allgemein die digitale Kommunikation.“(Watzlawick,a.a.O.,S.22) Sie wird auch als verbale Hemisphäre bezeichnet.
Im Normalfall kommt jeweils die Hemisphäre zum Einsatz, die dank ihrer Spezialiasierung für die Bewältigung einer bestimmten Situation kompetenter ist. Von großer Bedeutung jedoch ist auch, dass wir die Vielfalt der Welt auf zwei grundverschiedene Weisen erleben. Diese Erlebnisformen sind nicht auswechselbar, sie sind auch nicht von der einen in die andere Erlebnisform übertragbar. Diese Schwierigkeit zeigt sich darin, dass das Erlebnis eines Sinfoniekonzerts kaum in Worten ausgedrückt werden kann, höchstens in poetischen, während der Satz „Demokratie erfordert informierte Teilnahme“ nur schwer in Bildern übermittelt werden kann. Das Sinfoniekonzert wird von unserer rechten Hemisphäre, der theoretische Satz über Demokratie von unserer rationalen linken Gehirnhälfte formuliert und verstanden.
Es stehen uns also zwei Gehirne, zwei Bewusstheiten, das digitale und das analoge, das wissenschaftliche und das poetische Denken und Sprechen zur Verfügung und idealer Weise arbeiten sie Hand in Hand. Wenn unsere Erinnerungsbilder und die damit zusammenhängenden Gefühle reichhaltig und angenehm sind, werden sie nicht unser logisches Denken blockieren; wenn wir Intuition, bildhaftem Denken, Träumen und Spekulation genug Respekt erweisen können, werden wir kreative Lösungen für rationale Probleme finden können, eine plötzliche Eingebung aus unserer rechten Hemisphäre kann bildhaft ein theoretisches Problem der linken Hemisphäre lösen.
Ja mehr noch, tatsächlich haben Hirnforscher herausgefunden, dass z.B. Gedächtnisleistungen verbessert werden können, wenn wir auch die rechte Hemisphäre einbeziehen: „Eine Strategie besteht darin, sich die Posten einer Einkaufsliste beispielsweise auf verschiedene Teile eines Raums verteilt vorzustellen, sodass der Schokoladeriegel an die Tür genagelt ist, die Butter unter dem Tisch, die Milch auf dem Tisch und der Tee im Ausguss steht.“(Greenfield, Susan A., Spektrum Wissenschaft, Heidelberg 2003,S.180) Oder Sie versuchen das Erinnerungsvermögen zu verbessern, indem Sie sich den ursprünglichen Kontext, in dem ein Erlebnis stattgefunden hat, sinnlich vergegenwärtigen: Sie können sich vorstellen, Sie seien in den Sommerferien am Strand, um sich an den Namen des Rettungsschwimmers dort zu erinnern.
Jeder kennt Wahrnehmungen, w i e jemand anderer auf einen wirkt, w i e er mit einem spricht, Stimme, Tonfall, Gestik, Mimik, w i e er auf einen zugeht, ob das abwertend, konkurrierend, freundlich, bedrohlich oder sonst wie ist, die Abstufungen sind so fein, nur die Künstler können sie benennen, wir können sie mit unserem rechtshemisphärischen Bewusstsein wahrnehmen, wir können sie im Kunstwerk wieder erkennen, wir können sie mit Mutterwitz beantworten. Es gibt Experten für das Verstehen und den bewussten Einsatz von Körpersprache, Experten für sprachliches Durchsetzungsvermögen, für Abwehr sprachlicher Untergriffe usw.
Hohe Intelligenz bedeutet also die ideale Entfaltung beider Intelligenzen, beider Hemisphären und deren Koordination. Mangelhafte Koordination der Hemisphären kann zu Teilleistungsstörungen führen.
Niels Bohr, Nobelpreisträger für Physik, formulierte gegenüber seinen Studenten eines Tages: „Sie denken nicht. Sie denken nur logisch.“ Was er meinte, ist uns jetzt klar. Die Studenten verwendeten ausschließlich die linke Hemisphäre, logisches, gerichtetes Denken, sie dachten nicht kreativ. Sie packten das Problem nicht an der Wurzel, um es bildhaft zu sagen.
Doch das Bedeutsame all dieser von mir nur noch einmal referierten Untersuchungen besteht in der Kinderbetreuung darin, dass schon Paul MacLean sagte, das so genannte limbische System kontrolliere das emotionale Verhalten, vor allem das Aggressions- oder Sexualverhalten. Das limbische System gebe seine Impulse vor allem in die rechte Hemisphäre ab. Das limbische System soll sich vor allem in der Zeit zwischen 0 und 7 Jahren ausbilden.
Ich möchte nun schlussfolgern, dass das Weltbild eines Menschen vor allem in seinen ersten 7 Lebensjahren geprägt werde.
Wir können kurz zusammengefasst auf dem Stand der heutigen Philosophie erfassen, dass es eine Welt gibt, eine Wirklichkeit, die „da draußen“ unabhängig von mir existiert und eine zweite Welt, eine zweite Wirklichkeit, die das Ergebnis des Denkens und meiner „Meinungen“ über die Welt draußen ist.
„Ein Weltbild stellt also die umfassendste ‚komplexeste Synthese der Myriaden von Erlebnissen, Beeinflussungen durch andere, daraus abgeleiteten Deutungen, Überzeugungen, Zuschreibungen von Sinn und Wert an die Gegenstände unserer Wahrnehmungen’ dar, deren der Betreffende fähig ist...Es ist nicht die Welt, sondern ein Mosaik von Einzelbildern,...ein Muster von Mustern; eine Deutung von Deutungen; das Ergebnis unablässiger, außerbewusster Entscheidungen darüber, was in diese Deutungsdeutung aufgenommen werden kann und darf und was verworfen werden muss; von Entscheidungen, die ihrerseits bereits auf den Konsequenzen früher getroffener Entscheidungen beruhen.“ (Watzlawick, a.a.O., S.38)
Die Funktionen beider Hemisphären für unser Weltbild lassen sich etwa wie folgt erläutern: Die Übersetzung der wahrgenommenen Wirklichkeit in eine Gestalt, in eine Gestimmtheit, ein Grundgefühl, das Zusammenraffen des Erlebens der Welt in ein Bild ist die Funktion der rechten Hemisphäre. Sie bildet demnach die Basis. Denn der linken Hemisphäre dürfte die Rolle der Rationalisierung des Bildes zufallen, die Objektivierung der Wirklichkeit, das Ziehen der nun scheinbar unausweichlichen Schlüsse, die oft in selbst erfüllender, selbstbestätigender Weise das Bild in praktisch unendlichem Regress so starr festigen, dass, was immer dem Bild widersprechen mag, nicht zu seiner Korrektur, sondern zu seiner weiteren Austüftelung führt.
Gerald Holton, führende Autorität auf dem Gebiet der Wissenschaftsgeschichte, weist dieselbe Thematik im Leben großer Wissenschaftler nach: Demnach kommen bestimmte Themen schon in früher Kindheit zur Ausbildung. Diese Festlegung kann im späteren Leben geändert werden, doch scheint dies schwierig zu sein. Meist wird die Entscheidung schon früh getroffen, für nützlich befunden und bleibt dann lange Zeit, selbst sie widersprechenden Tatsachen gegenüber bestimmend. (nach Watzlawick, a.a.O., S.40) Laut Watzlawick ist daher der Königsweg der Psychotherapeuten der Versuch, die rechte Hirnhälfte anzusprechen, um die den rationalen Austüftelungen zugrunde liegenden Weltbilder zumindest minimal zu verändern.
Ganz offensichtlich bildet also das bildhafte, ganzheitliche Denken nach wie vor beim Menschen auch der westlichen Welt – trotz der Aufklärung und trotz der Verwissenschaftlichung der Wahrnehmung - die Basis für das Zustandekommen eines Weltbildes. Vielleicht kann man damit hinreichend erklären, weshalb jedweder Versuch mit rationalen, beweisführenden Methoden gegen Weltbilder voller Vorurteile vorgehen zu wollen, bisher kläglich gescheitert ist. Ich nehme an, daran werden auch meine Ausführungen scheitern. Denn wer seit früher Kindheit erfahren hat, dass er noch ein unterentwickelter, weiter zu entwickelnder, halbfertiger Mensch sei, der von den Autoritäten gezähmt, motiviert und gebildet werden müsse, wird als Erwachsener möglicherweise nur schwer aus diesr Haut schlüpfen können, es sei denn, er/sie hatte Zeit Widerstand auszubilden und sein/ihr ganzheitliches Wesen zu heilen.
„Die Emotionen und Affekte sind mit den Tiefenschichten der Seele verbunden, die den Instinkten am nächsten sind. Der ‚Fühlbau’, die Grundlage dessen, was wir... als emotional-dynamische Komponente bezeichnen, hat organisch in den entwicklungsgeschichtlich primitivsten Regionen seine Basis, nämlich in der Hirnstammregion und im Thalamus. Da diese Zentren des Hirnstamms mit dem autonomen Nervensystem verbunden sind, ist die emotionale Komponente immer eng mit den unbewussten Inhalten verknüpft...
Die Entwicklung der Menschheit läuft nun in der Richtung, dass der Hirnstammmensch vom Hirnrindenmensch abgelöst wird. Das äußert sich sowohl darin, dass das Unbewusste deflationiert, wie darin, dass die emotionale Komponente abgebaut wird.“
Fand ich eines Tages als Aussage in einer der älteren Hirnforschungslehren, die einen linearen Fortschritt vom „primitiven Hirnstamm-Menschen“ zum entwickelten Hirnrindenmenschen postulierten.
Dagegen ist nun zu sagen, dass der Fühlbau der Seele auch seine Gestimmtheit und sein „Weltbild“ bestimmt, das später kaum beeinflussbar ist.
Psychologen, Pädagogen und Schamanen beschäftigen sich damit, diesen „Fühlbau“ der Seele minimal zu beeinflussen. Es ist gesichert, dass, trotz der unglaublichen Biegsamkeit des menschlichen Geistes vieles nach dem Ablauf der ersten 7 Lebensjahre, insbesondere der ersten 3 Lebensjahre eines Kindes irreversibel in dessen „Fühlbau“ eingeschrieben und später kaum veränderbar ist.
Ein drastisches Beispiel möge dies erhellen. Es handelt sich um „Wolfskinder, Kinder, die bei Wölfen aufgewachsen waren:
„Als sie gefunden wurden, konnten die Mädchen nicht aufrecht auf zwei Beinen gehen, aber schnell auf vier Beinen laufen. Selbstverständlich sprachen sie nicht; sie hatten ausdruckslose Gesichter. Sie wollten nur rohes Fleisch essen und wurden nachts aktiv, sie lehnten menschlichen Kontakt ab und zogen die Gesellschaft von Hunden und Wölfen vor. Bei ihrer ‚Rettung’ waren die Mädchen vollkommen gesund, und es waren keine Symptome von Geistesschwäche oder Idiotie infolge von Unterernährung zu erkennen. Ihre Trennung vom Schoß der Wolfsfamilie führte zu einer tiefen Depression., die beide an den Rand des Todes, eines sogar in den Tod führte.
Das noch zehn Jahre weiterlebende Mädchen wechselte in dieser Zeit seine Nahrungsgewohnheiten und Aktivitätszyklen, es lernte auf zwei Beinen gehen, obwohl es immer wieder in vierbeiniges Laufen zurückfiel, wenn es in Eile war. Es lernte nie richtig sprechen, aber doch die Verwendung einiger Worte. Weder die Familie des anglikanischen Missionars, die es ‚rettete’ und beaufsichtigte, noch die anderen Personen, die das Mädchen näher kennen lernten, haben es je als wirklich menschlich empfunden.“(Humberto R.Maturana, Francisco J.Varela: Der Baum der Erkenntnis, S.141/43)
Ich zitiere dies, um die ungeheuerliche Macht und Verantwortung aufzuzeigen, die die Betreuung von Kindern in den ersten 7 Lebensjahren betrifft. Als Umfeld der Kinder muss daher nicht nur die Betreuungsperson, sondern auch jeder Lebensumstand gelten, die dem betreffenden Kind diese oder jene Verhaltensweise ermöglicht, bzw. nahe legt. Das Betreuen von Kleinkindern ist eine hoch politische Aufgabe, denn sie ist ein Beitrag zur Erneuerung der Gesellschaft, sie ist eine bedeutsame Aufgabe, denn sie prägt das Bewusstsein, das Weltbild, den „Fühlbau“, kurz die Möglichkeiten für Glück und Erfolg der kommenden Generation. Diese verantwortungsvolle Aufgabe haben Frauen unter schrecklichen Bedingungen in Sklavenposition geleistet, es ist traditioneller Weise ihr Bereich. Es ist lächerlich, heute nur mehr über die Verteilung lästiger Versorgungspflichten mit Vätern zu streiten oder diese ohne Einschulung in Selbstverachtung auf dieses bedeutsame Territorium zu lassen.
Dass die Aussagen der älteren Hirnforschung keineswegs zutreffen und die „Hirnstamm-“, bzw. die „unbewussten Inhalte, oder besser gesagt, das rechtshemisphärische Denken keineswegs deflationiert, beweist, dass in den modernen Industriezonen die Psychoszene boomt, die Kreativitätsfördernden Freizeitangebote, die Sinnsuche in Mystik, Religionen und Sekten. Im Volk leben nach wie vor Mutterwitz, Aberglaube, Mythos, bildhaftes Denken auch im Sinne des „Sich ein Bildnis machen“ (vgl. die Schule des Vorurteils in Frischs „Andorra“).
Die Frage ist, da es sich zunehmend um nicht- geschultes rechtshemisphärisches Denken, Wildwuchs bis hin zu Manipulation handelt, auf welchem Niveau sich dieses bewegt.
Populisten stylen bewusst images wie das eines Robin Hood, Rebell und Verteidiger der Armen und bedienen rechtshemisphärische Bilder. Die Industrie arbeitet in der Werbung und im Marketing massiv mit dem Einsatz rechtshemisphärischer Bewusstseinsinhalte. Die Kunst, die das feinere rechtshemisphärische Denken und Wahrnehmen schulen sollte, versagt vielerorts und wird verdrängt ins rein Subjektive, Beliebige, Dekorative, Eventorientierte der modernen Massenkultur.
Rechtshemisphärische Intelligenz wird selten ausgebildet, Mütter werden früh von ihren Kindern abgezogen, kreative Weibergesellschaften, die einander mit Tipps und Hilfe weiterversorgen zerstören eine eigenständige Volkskultur. Kinder werden früh an die Massenkultur via Fernsehen angeschlossen und aktives Imaginieren innerer Bilder anhand interaktivem Austauschs mit einer aktiv erfahrenen Welt und ihres sinnlichen Materials verkommt zu einem passiven Nachspielen von Welt aus zweiter Hand.
„Es ist möglich, statt in Begriffen durch Worte, vielmehr in Bildern, Gestalten, Mythen, Göttern, in Landschaften, Farben, Naturerscheinungen, in Handlungen und Vollzügen zu ‚ denken’. Alle primitiven Weltbilder bauen sich auf diesem Wege auf, die Wortsprache bezieht sich darauf.“ (Jaspers, Karl: Von der Wahrheit,München 1947,S.415)
Zahlreiche Beispiele genialer Naturwissenschaftler (Gauss, Kékule u.a.) belegen, dass Erkenntnis als plötzliche, bildhafte Erleuchtung auftreten kann.
Karl Jaspers stellte schon vor Jahren fest:
„Vielleicht geht das Entscheidende des Erkennens – der Sprung zum Neuen, der Ansatz, das ursprüngliche, vorwegzunehmende Begreifen – im sprachlosen Denken vor sich.“ (Jaspers, a.a.O.,S.415)
Es ist offensichtlich, dass die ältere Hirnforschung einfaches Reiz-Reaktionsverhalten nicht von einem komplexen Denken in Bildern unterschied, sie unterschied auch nicht simples monokausales Denken vom komplexen wissenschaftlichen Denken.