
7. Die Entfaltung des EQ
Zunächst ist festzustellen, dass Babys, wenn sie lallen, alle Sprachen der Welt erlernen könnten, nur durch das Prinzip „use it or loose it“ „erlernen“ sie ihre Sprache. Sie engen quasi ihre Möglichkeiten auf Festgelegtes ein. Das Gleiche trifft auf alle anderen „Lernfortschritte“ zu. Nicht der Mentor steht auf der Höhe der Entwicklung, er ist bestenfalls der Führer/meistens die Führerin, der/die den Weg zeigt, wohin es gehen soll, nicht selten aber ist auch er/sie nicht sicher, wohin es gehen soll. Im interaktiven, demokratischen Austausch mit der Betreuungsperson, die fähig ist in interkulturellen Kontakt mit dem so fremden Wesen zu treten, kann sich ein sehr komplexes und partnerschaftliches Modell entwickeln, in dem auch das Kind als aktiv führend voranschreiten kann, wenn es seiner sicher ist. (Ein Beispiel für die absurde Herangehensweise an das Objekt Kind ist wohl das „Spinatfüttern“ in den Fünfziger- und Sechziger-Jahren. Ein Forscher behauptete, Spinat enthalte ungeheuer viel Eisen und sei daher sehr wichtig für Kleinkinder. In der westlichen Welt quälten zahllose Mütter ihren Nachwuchs mit Spinat. Die Kinder spuckten den Spinat an die Wand, matschten ihn über den Tisch, bliesen ihn brabbelnd durch die Gegend, was mit ihrer Unvernunft erklärt wurde. Später stellte sich heraus, dass Spinat gar nicht so viel Eisen enthielt, wie der Forscher ermittelt hatte, er hatte sich geirrt. Spinat war für Kinder gar nicht so besonders geeignet und man ließ das Spinatfüttern wieder bleiben. Hätte man gleich auf die massenhaft protestierenden Kinder „gehört“, wäre das Warten auf die Ergebnisse der Forscher überflüssig gewesen und weniger Kinder wären gequält und verachtend behandelt worden.)
Kinder als Wesen, die in ihrer Potenz, im Sinne von Potenzialität, also Fähigkeit, alle Anlagen haben, sich jeder möglichen Umwelt „anzupassen“ und dazu Reaktionen auszubilden, hoch komplexe Wesen also, werden festgelegt.
Zur Zeit gibt es Überlegungen gerade wegen dieser Erkenntnisse möglichst früh rationale Leistungen, also rationales Denken von Kindern zu fordern und sie in dieser Hinsicht zu „fördern“, um ihr Potential besser zu „nutzen“.
Ich halte das für ausgemachten Blödsinn, der nur von Menschen mit reduziertem EQ und mit Leistungsdenken ausgedacht wird. Lineares Erzielen optimaler Ergebnisse wird versucht in die Kinderstube einzuführen, doch das Experiment wird scheitern. Das Experiment wird scheitern, obwohl Kinder von Liebe abhängen wie Blumen von Wasser und daher manipulierbar sind. Natürlich kann man sie abrichten auf entsprechend abgestimmte Zuwendungen Leistungen zu erbringen. Doch Zuwendung für intellektuelle Sätze, für Bücherwissen und Aufsagen von Wissen erzeugt eben nur Bücherwissen, aber keine kreativen kleinen Geister, die von innen her begeistert sind, ein Leben lang glücklich zu lernen.
Kinder von 0-7 Jahren sind primär sinnlich, primär lustvoll, sie sind von Natur aus neugierig mit unbändigem Forscherdrang begabt. Lebenslanges Lernen muss man nicht züchten, man muss dafür sorgen, dass es nicht erdrückt wird von den „herrschenden“ Erwachsenen und den „herrschenden“ Lebensumständen. Wenn dem Forscherdrang der Kinder zugearbeitet wird, dann bleibt er erhalten und kann sich als lustvolle Erfahrung in das Weltbild des Kindes einbauen.
Kinder von 0-7 sind von sich aus nicht in erster Linie der linken Hirnhälfte verpflichtet, sie denken in Bildern, sie denken nicht linear, sie leben in der so genannten „magischen Zeit“. Ein Einbringen von linkshemisphärischem Wissen kann zwar über die Schiene der Erpressung mit Zuwendungen gelingen, aber um den Preis des Gefühls der inneren Stimmigkeit des Kindes. Es wird von außen bestimmt, dirigiert und damit wird unser Erziehungsziel bereits nicht mehr erreicht. Selma Fraiberg schrieb das Buch „Die magischen Jahre in der Persönlichkeitsentwicklung des Vorschulkindes“(Hamburg 1991), Bruno Bettelheim schrieb ein Buch „Kinder brauchen Märchen“, Maria Montessori befasste sich intensiv mit dem inneren Lern- und Wissensantrieb von Kindern in ihren jeweils „sensiblen“ Phasen, Rebeca und Mauricio Wild beschäftigte massiv, dass Kinder von innen her ihrem Wesen entsprechend aufwachsen dürfen und von Erwachsenen dem zugearbeitet werden sollte, Emmi Pikler und Eva Tardos entwickelten Methode, wie sogar Waisenkinder in einem Heim bestmöglich ab der Babyzeit betreubar wären, indem sie in ihrem Wesen respektiert würden und veröffentlichten Bücher über ihre Beobachtungen.
Es ist demnach nötig sich dem Wesen von Kindern voll Weisheit, Offenheit, Liebe und Hingabe zu nähern, ohne dabei Vernunft und Weisheit zu verlieren, also in idealer Weise beide Hemisphären in kreativen Austausch kommen zu lassen und mit dem Kind in produktiven Austausch zu treten, damit sich sowohl der eigene EQ entfalten kann, wie der des Kindes erhalten bleibt und weiter ausbaut. Je größer die Kinder werden, je weiter wird ihr Aktionsradius. Möglicherweise fand der Forschergeist der Kinder schon vorher in den Wohnungen heftige den Kindern unverständliche Grenzen (Das darfst du nicht! Als Haupttrumpf der Mutter). Noch stärker grenzen gefährliche Autostraßen den primären Bewegungs- und Forscherdrang ein. Wenn man den Ansatz „wir brauchen Menschen, die begeistert ein Leben lang lernen“ radikal zu Ende denkt, greift dieser Ansatz meines Erachtens sogar weit in die Städteplanung ein. Sämtliche außerordentlich interessanten Überlegungen, die Hans-Günter Rolff und Peter Zimmermann in ihrem Buch „Kindheit im Wandel.Eine Einführung in die Sozialisation im Kindesalter“ (Beltz Verlag, Weinheim und Basel, 1997) beschreiben, sind in Betracht zu ziehen. Da muss man nicht allein Eltern und Kinder betrachten, Politiker mögen ebenfalls überlegen, wie sie beitragen können, dass Kinder in diese Gesellschaft so hinein wachsen, dass ihr Forscherdrang nicht unentwegt allein durch die Gegebenheiten unterdrückt oder auf eingefriedete Orte kanalisiert wird. Erwachsene können zu träumen beginnen und Entwürfe eines Lebensumfeldes machen, das nicht nur durch Konsum geprägt ist, sondern aktives Be-Greifen ermöglicht. Diese Bereiche sind von einzelnen Elternpaaren kaum lösbar, sondern politische Themen.
8. Was ist eigentlich „links“?
Ich möchte versuchen mich dem Begriff „links“ auf ungewöhnliche Weise anzunähern:
Watzlawick zitiert einen Versuch mit Studenten, die die Begriffe „Rechts“ und „Links“ mit Hilfe subjektiv-assoziativ gefundener Charakterisierungswörter einstufen sollten:
„Rechts“ wurde als gut, licht, heilig, männlich, rein, Tag, Osten, gerade, aufrecht, heterosexuell, stark, gewöhnlich, hoch, schön, weiß, richtig und Leben definiert, also fast durchwegs positiv. Die gegensätzlichen negativen Bedeutungen fielen dem Begriff „Links“ zu (an den sich ja in der Umgangssprache „linkisch“ und „sinister“ knüpfen): schlecht, dunkel, profan, unrein, weiblich, Nacht, Westen, gebogen, schlaff, homosexuell, schwach, rätselhaft, niedrig, hässlich, schwarz, unrichtig und Tod. “ (Watzlawick, a.a.O.,S.32)
Sir Galahad, das Pseudonym einer gefeierten Dame der Wiener Gesellschaft von 1920, einer Jugendfreundin des Grafen Keyserling, kommt in ihrem Hauptwerk „Mütter und Amazonen“ auf anderem Weg zu einer ähnlichen Definition der beiden Begriffe „links“ und „rechts“. Sie meint:
„Wohl überall und soweit sich das beurteilen lässt, von je, gehört Links der weiblichen, Rechts der männlichen Seite zu, wobei die Auszeichnung oder Missachtung der einen oder der anderen Seite von dem jeweils herrschenden Geschlecht diktiert, im Fall der milderen, weiblichen Vormacht wohl eher nur suggeriert wird. Ethnologen, Folkloristen, Religionsbeflissene sind sich darin ausnahmsweise einig, dass rechts bei Eintritt einer solaren Kulturperiode die bevorzugte Seite wird, bei Mondkult und der Rechnung nach Nächten statt nach Tagen aber links. Dem männlich solaren Christentum gilt die früher verehrte linke Seite daher für dämonenverdächtig, hexisch und teuflisch, sie muss durch geweihte Gegenstände entdämonisiert werden. Links gleich linkisch auch das französische „gauche“ in dieser Doppelbedeutung, und rechts gleich richtig und recht erscheinen als späte Umdeutungen.“ (Sir Galahad,a.a.O.,S.54)
Diese Definitionen des Begriffs „Links“ in Abgrenzung von „Rechts“, gefunden durch subjektive Assoziationen bzw. bestätigt und geschärft durch Forschungen von Ethnologen, Folkloristen, Religionsbeflissene usw. lassen aufhorchen. Der Begriff „Links“ scheint dem abgewerteten Weiblichen zuzuordnen zu sein, den alten „heidnischen“ Mondkulten, als die Rechnung nach Nächten nicht nach Tagen erfolgte.
„Links, gerade Zahlen, schwarz, weiß, rot, Nacht, Mond, Unsühnbarkeit des Muttermordes, Letztgeburtsrecht“ gehörte zur Frauenherrschaft „rechts, blau, gelb, ungerade Zahlen, Tag, Sonne, Sühnbarkeit des Muttermordes, Erstgeburtsrecht zur Männerherrschaft“. (Sir Galahad, a.a.O., S.32)
Die Übereinstimmung in beiden auf höchst unterschiedlichem Weg zustande gekommenen Begriffsbestimmungen ist evident.
Interessant jedoch eine weitere Parallele, links ist auch die Körperhälfte, die von der rechten Hemisphäre gesteuert wird, rechts ist die Körperhälfte, die von der linken Hemisphäre gesteuert wird. „Links“ ist demnach bildhaftes Denken, nicht lineares Assoziieren, magisches Denken, das Denken und Empfinden der Kinder wie der gerühmte EQ der Frauen.
In einer Untersuchung las ich einst, dass vermutet wird, dass die Frühmenschen die linke Hand , die linke Körperhälfte bevorzugten, Funde sollen dies angeblich bezeugen. „Links“ scheint in der Geschichte auch der Hexenverfolgungen wie der Zigeuner- und Judenverfolgungen eine ungeheure Rolle gespielt zu haben. Dies zu untersuchen und eine Kulturgeschichte dieser Art zu schreiben wäre eine unglaublich herausfordernde und spannende, will vermutlich sehr lohnende Arbeit.
Jedenfalls finde ich es katastrophal, dass der Bereich des „Linken“ der bewussten Aufmerksamkeit so sträflich entzogen ist, höchstens in „Kreativität fördernden“ Kursen
und schamanistischer Sinnsuche in aller Welt sein Randdasein fristet und weiterhin den „Rechten“ überlassen wird.
9. Konkurrenz
Ich möchte noch mit dem Finger auf ein Massenphänomen weisen. Wer kennt nicht hinlänglich den Kampf um das Ranking mit allen Mitteln. Wer hat das schönere Auto, den schöneren Körper, das bessere Leben, die hübschere Frisur, den größeren Erfolg usw. Was da auch alles herhalten muss zum Vergleich um sich ein bisserl größer und besser zu fühlen. Und weiter oben zu landen im Ranking. Manchem ist jedes Mittel recht im Erfolgskampf, mancher begründet das mit männlichen Genen, manche gehen sogar so weit und berufen sich auf die Steinzeitmenschen, das sei eben natürlich und vor allem männlich. Die Methode lernen in Europa und den USA schon die Kinder. Wer hat das teurere Speilzeug, das bessere Handy, die besseren Markenklamotten. Ja, ich sah sogar schon ein etwa dreijähriges Kind mit Inbrunst die langen Haare einer Barbie bürsten um sie unter dem begeisterten Blick seiner stolzen Mutter dem etwa gleich altrigen Mäderl im gleichen Zugabteil als Neidobjekt anzubieten. Ich hab etwas, das du nicht hast..
Diese Energie kann natürlich genutzt werden, damit Kinder besser lernen, damit Arbeitskräfte besser arbeiten usw.; sie ist ein Motivationsfaktor. Sie kann sogar aktiviert werden, damit Erziehung verbessert wird.
Doch mich macht das traurig. Die Basis stimmt nicht. Nicht nur, weil es nicht wahr ist, dass diese Art des unentwegten kultivierten Neids und Kampfes jedem Menschen eingeboren sei (Man lese etwa „Der Papalagi“ von Erich Scheurmann)), diese Art der Neidkultur ist eine extrem westliche und speziell in den Ländern der 1.Welt anzutreffende Kultur.
Ich konnte beobachten, wie auf Spielplätzen Mütter und Väter schon in der Sandkiste herum liegendes Spielzeug mit Argusaugen bewachen. „Das gehört Hansi.“ Niemand sonst darf es benutzen, auch wenn es von Hansi gar nicht beachtet wird. Sogar ein Ball wird bewacht. Hansi wird es lernen. In wenigen Jahren wird er auftrumpfen, was ihm alles gehört, ihm allein, was er deshalb nur gnadenhalber hergibt, einem Armen, einem besten Freund, aber nur kurz, bis er den Konkurrenzkampf des Habens und Protzens eingeübt hat, der sich gegen die Kultur des Teilens und des sozialen Miteinander richtet.
Frauen sind aus dieser Art der Konkurrenz nur selten ausgenommen, sie haben keine solidarisierende Sklavenrolle mehr und die großen heldischen Einzelkämpferinnen in Extremlagen à la Mutter Courage sind rar. Die beste Figur wie Barbie, der beste Mann wie Ken oder die Sims, die beste Wohnung oder das beste Haus, die beste Karriere, der beste Urlaub, das beste Kind und was da immer zu Konkurrenz und zum Protzgehabe herausfordert.
Das Problem, das ich damit habe? Diese Art der Konkurrenz, weit entfernt von fröhlichem Austausch im Wettbewerb, führt zur Isolation der Einzelnen und richtet sich gegen Wärme und Herzlichkeit und Solidarität. Denn wer jemandem anderen hilft, könnte doch einen Widersacher groß machen, nicht wahr? Festzuhalten ist, dass unter den Bedingungen der Konkurrenz Produktivität und Kreativität nicht gedeihen können, dass Konkurrenz dem EQ daher feindlich ist und das hoch gelobte Erziehungsziel „Teamfähigkeit“ torpediert. Konkurrenten sind nur äußerst eingeschränkt teamfähig.
Wenn also Konkurrenz als naturgegeben angesehen wird (Welche Gesellschaft beweihräuchert nicht gern selbst ihre schrecklichsten Produkte als unbedingt nötige?) und sogar ein verbesserter Erziehungsstil mit dem Motor der Konkurrenz durchgesetzt werden soll, dann besteht keine Aussicht auf Erfolg hinsichtlich der zu erreichenden Erziehungsziele. Auch Konkurrenz ist im letzten Grunde ein zentrales Element der patriarchalen Kultur, also der Männerherrschaft.
10. Isolation
In der Isolation geht alles zugrunde. Lebendigkeit, Lebensfreude, die sich nicht mitteilen kann, Kreativität, die keinen Ort findet, sich auszudrücken und keinen Widerhall, wird energetisch entscheidend geschwächt. Darum sind die Auswirkungen negativer „Bilder“ samt den damit einher gehenden Verhaltensweisen für ihre „Opfer“ so verheerend, sie werden ausgegrenzt. Es wird heute kaum jemand ermordet, obwohl die Medien dies glauben machen, in unserer zivilisierten Welt. Doch Mobbing wird zum neuen Problem. Alte Menschen, die so schwer vereinsamen, dass ein alter Mann jahrelang tot in seinem Bett liegen kann, ohne dass es jemand bemerkt. Alleinerziehende, die kaum eine Ansprache haben, werden zusätzlich ausgegrenzt. Nicht dass sie gravierendere Probleme hätten als verheiratete Paare, nicht selten geht es ihnen eigentlich besser, weil sie konfliktfreier leben. Das große Problem, an dem sie leiden, ist die Isolation. Isolation trifft auch die karenzierten Mütter.
Natürliches Eingebundensein in lebendige Gemeinschaften wird zunehmend unüblich. Das wohl auch eine Folge der Konkurrenz.
Vorstellbar wäre mir z.B., dass die vielen Frauen, die zu Hause auf ein kleines Kind aufpassen und sich mit ihm austauschen abwechselnd in ihren Küchen gemeinsam kochen, Wäsche waschen, Babys hüten und dabei ungeheuren Spaß haben. Aber der Verdacht wiegt schwer: Könnte nicht die eine oder andere dem eigenen Kind schaden wollen, könnte nicht eine zu blöd sein, heimlich boshaft, aggressiv, neidisch sein, was könnte alles geschehen? Bleibe ich lieber alleine. Von den anderen ist nur Negatives zu erwarten. Oder umgekehrt. Man geht mit offenem Herzen auf andere zu und erfährt zahllose Bewertungen: „Was? Das darf dein Kind?“ „Und wieso hat es das und das nicht?“ „Ich habe meinem Kind schon dies und jenes gekauft.“ „Mein Kind kann schon seit... dies oder jenes.“
„Prokrustes, sagenhafter, griechischer Räuber, der ein sehr kurzes und ein sehr langes Bett besitzt und seine Opfer dadurch tötet, dass er kleine Menschen in das große Bett legt und streckt, große aber in das kurze Bett legt und das Überstehende abhackt; von Theseus auf die selbe Weise getötet. – Prokrustesbett: unbequeme Lage, Zwangslage; Schema, in das etwas gewaltsam gepresst wird.“ (aus: Das neue Fischer-Lexikon in Farbe; Frankfurt 1979; Bd 7)
Prokrustes in der Kindererziehung? Er verwendete immerhin zwei verschiedene Betten – eine etwas verquere Art der Außendifferenzierung. Auch sonst weicht die Erziehungspraxis von der griechischen Sage ab: die Kinder werden nicht beraubt, und bei der Vereinheitlichungsprozedur verlieren sie nicht das Leben. Trotzdem gibt es Übereinstimmungen. Man kann vom Prokrustes-Prinzip bei Theoretikern, Planern und Praktikern der Kindererziehung sprechen. Es ist unnötig praktische Beispiele anzuführen, weil nahezu jeder Beispiele anführen könnte, wo die Eigenart von Kindern auf ein „Mittelmaß“ zurecht gestutzt wird. Lehrer, die für den „mittelmäßigen“ Schüler in zu großen Klassen unterrichten, Eltern, die in ihrer Angst, ob ihr Kind auch „normal“ sei, den Gang zum Experten, sprich Kinderarzt, Kinderpsychologen usw. nicht scheuen. Der Sinn der Nachzeichnung einer ungefähren Entwicklung in der Kindheit besteht (oder sollte bestehen) zwar darin den Eltern zu helfen ihre Kinder besser zu verstehen und ihnen besser zu entsprechen. Entwicklungsangaben gehen natürlich immer von „Mittelwerten“ aus und das „normale“ Kind kann natürlich von solchen Mittelwerten erheblich abweichen, dennoch tragen auch diese Daten erheblich zur Verunsicherung der Betreuungspersonen bei. Das Kind wird auch ihnen zum betreuenden Objekt und zum Vergleichsobjekt.
Die Kommunikation erstickt unter solchen Bewertungen und Konkurrenzen und jede bleibt lieber gemauert für sich unter den erbärmlichsten Umständen der seelischen Verarmung.
Weshalb fahren so viele gerne in den Süden auf Urlaub? Weil sie dort ihre Seele erholen können, weil sie dort unmittelbaren Austausch finden und einfache unverbildete Herzlichkeit, wie Kinder sie haben, wie sie vereinzelt auch bei uns noch aufzufinden ist: Die Qualität des EQ, des Spielens, Verspieltseins, des Sinnlichen, des Konkreten, des Offenen, des Teilens, des Nützlichen und Kooperativen, des Konstruktiven und Kreativen, das nicht in der Wüste des linearen Verstandes Ellbogentechnik lehrt und nicht auf Verwertbarkeit zielt.
11. Zukunftsentwürfe
Zukunftsentwürfe sollte jeder entwickeln auf seinem konkreten Platz. Beim Gehen, Stehen, Liegen und Arbeiten zu träumen wagen:
Ich stelle mir vor, ich hätte die Macht zu entscheiden, wie dieses Stadtviertel idealer Weise aussehen sollte, welche Wohnhäuser geplant und gebaut werden sollten, damit mehr Lustbarkeit und Zufriedenheit aufkommt für Kinder und für sich selbst. Was könnte wo dem Leben am besten dienen? Kann ich mit Freunden und Nachbarn darüber sprechen? Wo und wie? Gibt es nicht doch Möglichkeiten zu fliegen und auch von unten die Welt zu erfassen und den eigenen Träumen gemäß zu gestalten? Getragen von dem Ziel, selbst ein Leben lang dazu zu lernen, im Team zu arbeiten, im interkulturellen Austausch auch mit den andersartigen Kulturen anderer Familien, ob In- oder Ausländer zu kooperieren, auch so fremdartigen und lieben Wesen wie Kindern ihr Recht zuzusprechen, Verantwortung zu übernehmen für das einzigartige Leben, das jede/r auf diesem Planeten hat erfüllt von dem innersten Geheimnis, nämlich der Liebe, die allem innewohnen muss.
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